Interessante Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Herrnmahl und Sonntag
liefert uns ein Bericht aus der Apostelgeschichte über eine
Gemeindeversammlung in Troas. Sinn und Zweck der Versammlung werden so
beschrieben: »Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren,
um Brot zu brechen, redete Paulus zu ihnen, weil er vorhatte, am folgenden
Tag abzureisen, und dehnte die Rede bis Mitternacht
aus.«1
Mancher Leser wird sich fragen, was diese $telle mit Sonntag und Herrnmahl
zu tun hat. Dazu sind einige Begriffserklärungen nötig. Im griechischen
Urtext heißt der Ausdruck »am ersten Tag der Woche«
wörtlich »am ersten der Sabbate«. Das ist eine Redewendung
für den ersten Tag nach dem Sabbat, dem jüdischen Ruhetag am siebten
und letzten Tag der Woche. Der Tag nach dem Sabbat war also der erste einer
neuen Woche, bzw. der erste Tag im Hinblick auf den kommenden Sabbat. Diesen
Sachverhalt erkennt man daraus, daß gewisse Frauen nach dem Tod und
Begräbnis Jesu die Sabbatruhe eingehalten haben und erst am Tag danach,
dem ersten Tag der Woche, zum Grab Jesu kamen.2 Die Juden betrachten
den Samstag als Tag der Sabbatruhe. Viele Sprachforscher führen den
Begriff »Samstag« auf den altgriechischen und hebräischen
Ausdruck für Sabbat zurück.3 Im Neuen Testament ist
also der erste Tag der Woche der Tag nach dem Samstag, der Sonntag,
unabhängig von der modernen Wocheneinteilung.
Schon im Neuen Testament war der Sonntag der Tag regelmäßiger
Gemeindeversammlungen. Diese Tatsache kann man aus den Anweisungen von Paulus
für eine Kollekte der Korinther Gemeinde für arme Christen entnehmen:
»Was aber die Sammlung für die Heiligen angeht: Wie ich in den
Gemeinden in Galatien angeordnet habe, so sollt auch ihr tun! An jedem ersten
Tag der Woche lege jeder von euch bei sich etwas zurück und sammle an,
soviel er vermag, damit die Sammlung nicht erst dann geschieht, wenn ich
komme. «4
Nach dieser Anweisung führt das Sammeln gerade am ersten Tag der Woche
dazu, daß die Kollekte bei der Ankunft von Paulus schon bereitliegt,
so daß weitere Sammlungen unnötig sind. Wie führt aber das
Sammeln ausgerechnet am ersten Tag der Woche zu einer bereitgestellten Kollekte?
Paulus denkt an die sonntägliche Versammlung, bei der jedes Gemeindeglied
die bereitgelegte Gabe der öffentlichen Sammlung spendet, damit die
gesamte Kollekte jederzeit zur Verfügung steht.
Manche wollen diese Anweisung als private Sammlung zu Hause deuten, aber dies widerspricht dem Zusammenhang.
Zusammenfassend zeigt diese Bibelstelle folgendes über die Versammlungen:
Sie geschahen jeden Sonntag, denn der griechische Text bedeutet »jeweils
am ersten Tag der Woche«. Sie waren Bestandteil der apostolischen Anordnung
für diese Kollekte und galten deshalb als von Gott befohlen. Diese Beachtung
des Sonntags galt nicht nur in Korinth, sondern auch in Galatien und letztlich
in allen Gemeinden, denn die Lehren von Paulus waren in jeder Gemeinde
maßgebend.6 Daraus folgern wir, daß die anfangs
erwähnte Versammlung in Troas nicht zufällig, sondern aufgrund
der apostolischen Anordnung regelmäßig sonntags stattfand.
Die Gemeinde in Troas war nach Apostelgeschichte 20, 7 versammelt, um Brot
zu brechen. Was bedeutet das? Jüdische Mahlzeiten wurden üblicherweise
durch Danksagen und durch Brechen und Verteilen von Brot eingeleitet, so
daß »Brotbrechen« stellvertretend für eine Mahlzeit
verwendet wurde.7 Ebenso wird im Herrnmahl Brot gebrochen und
gegessen, so daß Brotbrechen auch das Herrnmahl bezeichnen kann, was
durch die unmißverständliche Formulierung von Paulus erhärtet
wird: »Das Brot, das wir brechen, ist es nicht Gemeinschaft mit dem
Leib Christi?Der Kelch der Danksagung, über dem wir Dank sagen, ist
er nicht Gemeinschaft mit dem Blut Christi «8
Was war nun das Brotbrechen in der Sonntagsversammlung von Troas? Wieder gibt uns der 1. Korintherbrief entscheidende Hilfe. Wir haben schon aus 1. Korinther 16, 1.2 den Beweis für sonntägliche Versammlungen gesehen, aber Paulus nennt den Zweck der Versammlungen an anderen Stellen des Briefes, z. B. die Kollekte zu sammeln (16, 1.2), die Gemeinde durch Wortverkündigung zu erbauen (14,26) und ganz besonders das Mahl des Herrn zu essen:
»Wenn ihr nun zusammenkommt, so ist es nicht (möglich), das
Herrnmahl zu essen. Denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg,
und der eine ist hungrig, der andere ist trunken. Habt ihr denn nicht
Häuser, um zu essen und zu trinken? Oder verachtet ihr die Gemeinde
Gottes und beschämt die, welche nichts haben? Was soll ich euch sagen?
Soll ich euch loben? Hierin lobe ich euch nicht.«9
Paulus war darüber verärgert, daß manche Korinther sich in
der Versammlung nur sattessen wollten und nicht bereit waren, mit den
Bedürftigen zu teilen. Dies führte zu Spaltungen, die einen wichtigen
Zweck der Versammlung unmöglich machten, nämlich das Herrnmahl
zu essen. Angesichts dieses Tadels ist es undenkbar, daß Paulus ein
paar Jahre später an einer Gemeindeversammlung in Troas teilnimmt, deren
Hauptzweck nur ein Gemeinschaftsessen ist, ohne jeden Bezug zum Herrnmahl.
Deswegen müssen wir »Brotbrechen« in Apostelgeschichte 20,
7 als Herrnmahl auffassen; auch wenn es zutrifft, daß Paulus dort eine
gewöhnliche Mahlzeit zu sich genommen hat.
Die Anweisungen für die Sonntagsversammlungen, verbunden mit der
Erklärung über Herrnmahl und Wortverkündigung als Hauptzweck
der Versammlung, belegen die apostolische Anordnung, jeden Sonntag das Herrnmahl
zu halten. Die sonntägliche Teilnahme am Herrnmahl war in den Gemeinden
am Anfang des 2. Jahrhunderts üblich. Dies geht aus verschiedenen
historischen Quellen jener Zeit hervor.10 Die Bedeutung des Sonntags
im Neuen Testament ist unübersehbar. An diesem Tag ist Jesus auferstanden
und Seinen Jüngern mehrfach erschienen.11 Diese
»Sonntagsereignisse« beweisen die Überwindung des Todes durch
Christus. Mit der Teilnahme am Herrnmahl verkünden wir, daß der
Tod Christi Heilswirkung hat, daß Jesus den Tod überwand und daß
Er wiederkommen wird: »Denn so oft ihr dieses Brot eßt und den
Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis Er kommt.«12
Das Herrmahl am Sonntag ist die Verbindung zwischen der Erinnerung
an den Tod Christi und den siegreichen »Sonntagsereignissen«. Das
Herrnmahl gehört eben zum Herrntag.13
Es gibt keine sicheren Belege für das Halten des Herrnmahls an einem
anderen Tag als dem Sonntag. Daß Jesus das Abendmahl an einem anderen
Tag einsetzte, war durch die alttestamentlichen Vorschriften für das
Passafest bedingt14 und galt in der Urgemeinde nicht als Vorbild
für den Zeitpunkt des Herrnmahls. - Das tägliche Brotbrechen in
Apostelgeschichte 2, 46 als tägliche Feier des Herrnmahls aufzufassen,
mag wohl sprachlich möglich sein, aber es ist aus folgenden
Überlegungen kaum vertretbar: Das Satzglied »... nahmen sie Speise
zu sich ...« deutet darauf hin, daß sich Brotbrechen hier auf
Mahlzeiten bezieht. Aus Apostelgeschichte 6, 14 erfahren wir, daß die
Apostel der täglichen Tischgemeinschaft keine gottesdienstliche Bedeutung
beimaßen. Durch die Einsetzung anderer Jünger für den Dienst
an den Tischen haben sie eine deutliche Trennung zu ihrem eigenen Dienst
im Gebet und am Wort gemacht. - Die Behauptung, daß es nach Römer
14, 5-6 bei den ersten Christen keine besonderen Tage und somit keine besondere
Beachtung des Sonntags gegeben hat, geht am Text vorbei. Diese Stelle betrifft
nur Dinge, die Gott dem Menschen überlassen hat. Die Beachtung des Sonntags
ist aber von Gott festgelegt.15 Ebenso darf man Brot und Kelch
im Herrnmahl aufgrund der Speisefreiheit in diesem Kapitel nicht beliebig
weglassen oder ersetzen.
Es ist sicher, daß ein Christ jeden Sonntag den Tod Christi und Seinen
Sieg über den Tod durch die Teilnahme am Herrnmahl bekunden soll. Unser
Dienst für Gott, auch beim Herrnmahl, darf nicht nach eigenen Vorstellungen
geschehen, sondern muß sich nach Gottes Wort richten. Nur so können
wir Gott aus Überzeugung, Glauben und gutem Gewissen dienen.16
Glenn Jones, Kiel