Das Alte Testament:

Legende oder Gottes Wort?

Heutzutage gibt es viele Menschen, die einerseits Jesus als ihren Herrn und Heiland und den Sohn Gottes anerkennen, aber andrerseits große Teile des Alten Testaments ablehnen wollen. Diese Menschen betrachten das Alte Testament größtenteils als Volkssagen, Mythen und Märchen. Demzufolge halten sie solche Geschichten, wie die Schöpfung, die Sintflut, Jona im großen Fisch u. a. für allegorische Darstellungen (Märchen), die keine historischen Tatsachen berichten, sondern nur allgemeine Prinzipien des Lebens erläutern wollen. Darüber hinaus sagen sie uns, daß der Gott des Alten Testaments ein ganz anderer sei, als der Gott des Neuen Testaments.

Wir glauben, daß eine solche Ansicht unhaltbar ist, weil sie einen verhängnisvollen Widerspruch in sich birgt. Wenn Jesus der unfehlbare Herr und Sohn Gottes ist, muß man das Alte Testament als eine von Gott eingegebene und wahre Offenbarung ansehen, denn so hat Jesus es aufgefaßt.

Die Geschichten sind wahr

Jesus hielt die Geschichten des Alten Testaments für wahre Darstellungen historischer Tatsachen. Er begründete die Ehegesetze mit den Schöpfungsberichten über Adam und Eva. Jesus zitierte gerade die Worte Gottes, die bei den Schöpfungsberichten vorkommen: »Habt ihr nicht gelesen, daß der, welcher sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Weib schuf und sprach: Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und es werden die zwei ein Fleisch sein« (Matth. 19, 4-5; vgl. 1. Mose 1, 27; 2, 24; 5, 2). Für Jesus war die Sintflut mit ihren Begleitumständen ein historischer Tatbestand, mit dem er seine Wiederkunft verglich: »Aber wie die Tage Noahs waren, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Denn wie sie in den Tagen vor der Flut waren: sie aßen und tranken, sie heirateten und verheirateten, bis zu dem Tage, da Noah in die Arche ging, und sie es nicht erkannten, bis die Flut kam und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Sohnes des Menschen sein« (Matth. 24, 37-39). Als Zeichen seiner Gottheit gab Jesus das Zeichen Jonas: »Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein« (Matth. 12, 40).

Wir könnten die Liste der alttestamentlichen Wunderberichte, zu deren Wahrheit Jesus sich ausdrücklich bekannte, noch erweitern: Der brennende Dornbusch (Mark. 12,26; 2.Mose 3, 26), die Verwandlung der Frau Lots in eine Salzsäule (Luk. 17, 32; 1.Mose 19, 26), usw. Ausgerechnet die Geschichten, die heutzutage am meisten angezweifelt werden, hielt Jesus für Tatsachen, die er häufig seiner Lehre zugrunde legte.

Das unfehlbare Wort Gottes

In Markus 7, 10 schrieb Jesus das Gebot »Ehre deinen Vater und deine Mutter« Mose zu, aber in Markus 7, 13 und Matthäus 15, 4 bezeichnete er dasselbe Gebot als Gottes Wort. In den Worten und Schriften Moses sah Jesus nichts anderes als die Worte Gottes selbst. Er bezeugte auch, daß David seine Psalmen unter Leitung des Heiligen Geistes schrieb (Matth. 22, 43). Wie hätte Jesus seinen Glauben an den göttlichen Ursprung des Alten Testaments noch klarer bekennen können?

Jesus hielt das ganze Alte Testament für die unfehlbare Heilige Schrift. In Johannes 10, 33-35 bezeichnete er das jüdische Gesetz, das an dieser Stelle auch die Psalmen einschließt, als die Schrift, die nicht gebrochen werden kann. Für Jesus schloß die unfehlbare Schrift alle Teile der jüdischen Bibel ein: »Dies sind meine Worte, die ich zu euch redete, als ich noch bei euch war, daß alles erfüllt werden muß, was über mich geschrieben steht im Gesetz Mose und den Propheten und Psalmen.« Dann eröffnete er ihnen das Verständnis, damit sie die Schritten verständen (Luk.24,44-45; vgl. Matth.5,17-18).

Die Textüberlieferung ist zuverlässig

»Meint nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist« (Matth. 5,17-18). Das Jota und Strichlein waren die kleinsten Teilchen eines hebräischen Buchstabens, die unserem i-Punkt oder t-Strich entsprechen. Hier versicherte uns Jesus die Zuverlässigkeit des alttestamentlichen Textes. Er behauptete, daß der überlieferte Text nie so verdreht werden würde, daß sich die Botschaft des Alten Testaments nicht mehr erfüllen oder erkennen ließe. Es ist kein Wunder, daß Jesus so oft aus dem Alten Testament zitierte. Er hielt den überlieferten Text seiner Zeit für ausreichend zuverlässig, um ein Argument für das Leben nach dem Tode auf der Gegenwartsform des Verbs »Sein« aufzubauen: »Ich bin der Gott Abrahams...« (Matth. 22, 32; vgl. 2. Mose 3, 6). Ihm war der überlieferte Wortlaut des Textes treu genug, um manche Argumente auf ein ganz bestimmtes Wort zu stützen: Götter (Joh. 10, 35, vgl. Ps. 82, 6), Herr (Luk. 20, 41-44; vgl. Ps. 110, 1).

Der Kanon ist vollständig

Jesus hat nie von verlorenen Büchern des Alten Testaments gesprochen. Auch hat er die Juden nicht beschuldigt, irgendwelche von Gott eingegebenen Bücher aus ihrer Bibel gestrichen zu haben. Die Juden hatten dieselben Bücher, die wir in unserem Alten Testament (ohne die Apokryphen) haben, obwohl sie im hebräischen Bibelkanon anders eingeordnet waren. In Matthäus 23, 35 machte Jesus eine bedeutungsvolle Aussage: »Damit über euch komme alles gerechte Blut, das auf der Erde vergossen wurde, von dem Blut Abels, des Gerechten, bis zu dem Blut des Zacharias, des Sohnes Barachjas, den ihr zwischen dem Tempel und dem Altar ermordet habt.« Abel wurde im 1. Mose (dem ersten Buch des Alten Testaments) erwähnt und Zacharias in 2. Chronik (dem letzten Buch des hebräischen Alten Testaments). In dieser Weise billigte Jesus die Sammlung der Bücher der hebräischen Bibel vom Anfang bis zum Ende. In Lukas 24, 44 bediente er sich der üblichen Dreiteilung des jüdischen Alten Testaments in Gesetz, Propheten und Psalmen.

Die Botschaft ist ausreichend

Jesus lehnte die menschliche Überlieferung, die manche dem Gesetz Gottes zusätzlich beigefügt hatten, als unnötig und gesetzwidrig ab (Mark. 7, 1-23). In der Geschichte vom reichen Mann und Lazarus bestätigte Jesus die Kraft der Heiligen Schrift für Israel bis zu seiner Zeit. Er erklärte, daß die Auferweckung eines Toten nicht mehr Überzeugungskraft in sich birgt als Mose und die Propheten: »Wenn sie Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn jemand aus den Toten aufersteht« (Luk. 16, 31).

Wie schätzen wir Jesus ein?

Die Aussagen Jesu über das Alte Testament sind entweder richtig oder falsch. Wer Jesus für »den Weg und die Wahrheit und das Leben« hält (Joh. 14, 6), muß dementsprechend seiner Auffassung vom Alten Testament zustimmen, und dies als das unfehlbare, von Gott eingegebene Wort annehmen. Andererseits, wenn das Alte Testament nicht zuverlässig ist, erheben sich ernsthafte Zweifel an der Person Jesu. Wenn das Alte Testament lediglich das Produkt rein menschlichen Denkens ist, dann ist Jesus entweder ein naiver Mensch, der sich über den wahren Ursprung des Alten Testaments geirrt hat, oder ein Betrüger, der absichtlich den falschen Eindruck hinterließ, daß er das Alte Testament als Gottes Wort glaubte. Beide Alternativen vernichten den Glauben an Jesus, denn es ist unmöglich, einen naiven, sich irrenden oder gar betrügerischen Menschen als »die Wahrheit« und den »Sohn Gottes« zu bezeichnen. Jesus und das Alte Testament stehen und fallen gemeinsam.

Wer sich mit Jesus auseinandergesetzt hat und zu dem Schluß gekommen ist, daß dieser der Herr, Heiland und Sohn Gottes ist, muß sich konsequenterweise dem Urteil des Hebräerbriefes anschließen: »Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn« (Hebr.1,1-2).

Sewell Hall, Tunbridge Wells (England) Überarbeitet und übersetzt von Glenn Jones, Kiel