Als Jesus eine Rede über geistliche Reinheit hielt, rief er die Volksmenge
zu sich und sprach: ,,Hört und versteht!" (Mt. 15, 10). Damit sprach
Jesus dem allgemeinen Volk die Fähigkeit zu, seine Rede zu verstehen,
und machte es dafür verantwortlich. Durch gezielte Fragen hat er
häufig seine Zuhörer zum Mitdenken aufgefordert (z.B. Lk. 5, 22-23;
7, 40 f; 10, 29-37 u.a.). Mehrfach mußte er seine Jünger für
ihr langsames Lernen und unverständiges Herz tadeln (Mt. 15, 16-17;
Mk. 6, 52; 8, 14-21).
Daraus erkennen wir, daß der Herr keineswegs die
überdurchschnittliche Intelligenz einer Elite voraussetzte, um sein
Wort zu verstehen. Im Gegenteil, die Weisheit der Klugen war oft ein Hindernis,
Gottes Wort zu verstehen (Lk. 10,21-22; 1. Kor. 1, 18f).
Paulus ermahnte seine Leser: ,,Darum seid nicht töricht, sondern versteht,
was der Wille des Herrn ist!" (Eph. 5,17). Er hatte aber kurz davor
erklärt, wie sie den göttlichen Willen verstehen konnten: ,,Mir
ist durch Offenbarung das Geheimnis kundgetan worden, wie ich vorhin in
Kürze geschrieben habe. Daran könnt ihr beim Lesen meine Einsicht
in das Geheimnis Christi erkennen" (Eph. 3,3-4). Lukas hat einen gut geordneten
Bericht über das Leben Jesu (Lukasevangelium) und die Verbreitung des
Christentums (Apostelgeschichte) an Theophilus geschrieben. Dem Empfänger
erklärte er den Zweck seiner Schriften mit den Worten ,,damit du die
Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, über die du unterrichtet worden
bist" (Lk. 1,4). Schon von Kindheit an war Timotheus imstande, im zunehmenden
Maße die heiligen Schriften des Alten Testaments zu verstehen, die
ihn zur Errettung durch den Glauben an Jesus Christus weise machten (2. Tim.
3, 15f). Ob es sich um das Alte Testament, die Evangelien oder die Briefe
des Neuen Testaments handelt, erwarten die Bibelverfasser, daß ihr
Wort verstanden wird.
Sicherlich muß man aufmerksam lesen und sich zu dem jeweiligen Zusammenhang
verschiedene Fragen stellen, z.B.: Wer redet bzw. schreibt an wen? Unter
welchen Umständen befinden sich Redner und Zuhörer bzw. Verfasser
und Leser? Was ist das Hauptthema bzw. -problem? Warum ist es wichtig? Welche
Gedankengänge werden entwickelt, um das Thema zu erläutern oder
das Problem zu lösen? Gibt es andere Bibelstellen, die das Thema behandeln?
Petrus wollte z.B. seine Gedanken im 2.Petrusbrief durch den 1. Petrusbrief,
die Worte der Apostel und Propheten und die Paulusbriefe ergänzt wissen
(2. Pet. 3,1.2.15.16.). Durch den Hinweis auf 5. Mo. 6, 16 zeigte Jesus dem
Teufel Grenzen für das Verständnis von Ps. 91,11-12 auf (Mt. 4,6-7).
Konkordanzen, Stellenregister in manchen Bibelausgaben, sowie Kommentare
bieten uns Hilfe, treffende Vergleichstellen zu finden. Natürlich
gehört zum aufmerksamen Lesen die Frage danach, welche praktische Bedeutung
die gewonnenen Kenntnisse für unser Leben haben. Dadurch kann das Wort
unser Leben ändern und prägen.
Es gibt sicherlich schwierige Stellen und Themen in der Bibel. 2.Pet. 3,16
bezeichnet manches in den Paulusbriefen als schwer zu verstehen. Dennoch
ist dies keine Ausrede, schwierige Themen mißzuverstehen oder zu verdrehen,
wie die Unwissenden und Ungefestigten es tun. Vielmehr erwartet Gott, daß
wir mit der Zeit reifen. Am Anfang genügt es, die einfacheren Sachverhalte,
d.h. ,,die Milch", zu begreifen, aber durch Übung in der Auslegung und
Anwendung der Schrift, gewinnen wir die Fähigkeit, kompliziertere
Gedankengänge, d.h. die ,,feste Speise", zu verstehen (Heb. 5,11-14).
Im Gleichnis vom Sämann waren die, welche das Wort gehört und begriffen
hatten, in der Lage, 100-, 60- und 30-fältig Frucht zu tragen. Durch
das Verständnis des Wortes gelangt man in erster Linie zur Wiedergeburt
und Errettung der Seele (Jak. 1,21; 1.Pt.1, 22f). Die Worte, die Jesus sprach,
,,sind Geist und sind Leben" (Joh. 6,63>; sie bauen uns auf, verleihen
uns Kraft und gestalten unser Leben um. Wer das Wort versteht, bleibt stabil
im Leben, fest verankert im Herrn. Er ist keine leichte Beute für
trügerische Philosophien von Menschen und wird nicht von jedem Wind
der Lehre hin- und hergeworfen (Eph. 4,14-15). Vielmehr ist er imstande,
Gut und Böse zu unterscheiden (Heb. 5,14) und die Äußerungen
von Menschen zu prüfen, um entweder selbst daraus zu lernen oder anderen
zu helfen (Apg. 17,11; 18,26-28). Wer das Wort Gottes versteht, kann andere
lehren (Heb. 5,11f; Mt. 13, 51-52) und die Wahrheit vor Zweiflern und Gegnern
verteidigen (1.Pt. 3,15; 2.Kor. 10, 1-6). Darum stimmen wir den Worten Davids
zu: ,,Wunderbar sind deine Zeugnisse, darum bewahrt meine Seele sie. Die
Eröffnung deiner Worte leuchtet, sie gibt Einsicht den Einfältigen.
Ich habe meinen Mund weit aufgetan und gelechzt, denn ich sehne mich nach
deinen Geboten" (Psalm 119,129f).
Glenn Jones, Kiel