,,Jerusalem, Jerusalem, das da tötet die Propheten!"


Jerusalemer Altstadt, Blickrichtung Südosten Jerusalemer Altstadt, Blickrichtung Südosten

Kaum eine andere Stadt in der Welt hat eine so große Bedeutung für die Religionsgeschichte wie Jerusalem. Die Stadt spielt eine zentrale Bedeutung nicht nur für die Geschichte des Judentums sondern auch des Christentums. Die Feier "Jerusalem 3000" soll an die 3.000-jährige Bedeutung der Stadt erinnern. Aus aller Welt strömen jährlich Tausende von Touristen verschiedener Glaubensrichtungen nach Jerusalem. Angesichts solch weltweiten Interesses und der vermeintlichen biblischen Prophetie über Jerusalem ist es wichtig, daß treue Christen die biblische Bedeutung dieser Stadt für den Glauben verstehen.

Jerusalem im Alten Testament

Jerusalem ist eine uralte Stadt, die schon im 14. Jahrhundert vor Christus durch die Amarna Tafeln außerbiblisch belegt ist. Besonders wichtig für die geschichtliche Bedeutung Jerusalems war König Davids Sieg über die Jebusiter und die Einnahme ihrer Burgfeste Zions ca. 1.000 Jahre vor Christus (2.Sam.5,6-10). David wohnte in der Burgfeste Zions und nannte sie ,,Stadt Davids", so daß später ,,Zion" und ,,Stadt Davids" mit Jerusalem gleichzusetzen waren. Kurz nach seinem Sieg ließ David die Bundeslade in die Stadt Davids bringen (2.Sam.6,12-16). Nach dem Tod Davids baute sein Sohn, König Salomo, neben anderen Prachtbauten, den glorreichen Tempel in Jerusalem (2.Chr.3,1-2). Dadurch wurde die Stadt zum Zentrum des Judentums und zur Hauptstadt des Königreichs Juda. Aber Juda wurde abtrünnig und zur Strafe ließ Gott ca. 586 vor Christus Jerusalem und den Tempel durch die babylonischen Streitkräfte zerstören und Juda im Exil führen. Jahre später sorgte Gott für die Rückkehr Judas und den Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels unter Nehemia, Esra und anderen Propheten.

Jerusalem und Jesus

Als Jesus etwa 500 Jahre später auf die Welt kam, hatte Herodes der Große den Tempel zu Jerusalem umbauen, vergrößern und noch prächtiger ausstatten lassen (Josephus, Jüdische Altertümer 15.xi). Jerusalem war Pilgerstätte für die jüdischen Feste, zu denen sowohl Jesus, als auch viele andere Juden aus allen Teilen der Welt kamen. Das Wirken Jesu in Jerusalem, besonders im Tempel, machte ihn nicht nur unter den Bewohnern Jerusalems bekannt, sondern auch unter den vielen Pilgern und Fremdlingen, die in ihren Heimatorten berichteten, was sie gesehen und gehört hatten. Besonders wichtig ist das Ende der irdischen Mission Jesu, nämlich seine Verurteilung vor dem Hohen Rat, seine Kreuzigung, Auferstehung, die Erscheinungen des Auferstandenen und seine Himmelfahrt in und um Jerusalem. Schon bei der Verklärung in Lk.9,31 haben Mose und Elia sich für diese Vollendung des Wirkens Jesu in Jerusalem interessiert, denn sie sollte der Welt die Errettung bringen (1.Pet.2,6-10). Jesus selbst hatte schon vorausgesagt, daß sein Tod und seine Auferstehung in Jerusalem stattfinden würden (Lk.18,31-33). Als Herodes ihn vorzeitig töten wollte, sorgte Jesus sich deshalb nicht, ,,denn es geht nicht an, daß ein Prophet außerhalb Jerusalem umkomme" (Lk.13,33). Lukas Kapitel 23 & 24 berichten, wie dieser Plan Gottes in Jerusalem in Erfüllung gegangen ist.

Nach seiner Auferstehung befahl Jesus den Aposteln, in Jerusalem zu bleiben, um mit dem Heiligen Geist ausgerüstet zu werden. Beginnend in Jerusalem sollten sie in alle Welt hinausgehen, um Jesus und sein Wirken zu bezeugen (Lk.24,4549; Apg.1,4.8). Zehn Tage nach Jesu Himmelfahrt erfüllte sich diese Zusage Jesu zu Pfingsten in Jerusalem, wo die Gemeinde des Herrn gegründet wurde (Apg. 2). Von dort breitete sie sich in alle Welt aus, wie die Apostelgeschichte und die Briefe des Neuen Testaments zeigen. Somit erfüllte sich das Wort in Jesaja 2,34: ,,Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem. Und er wird richten zwischen den Nationen und für viele Völker Recht sprechen."

Es ist deutlich zu sehen, daß Jerusalem im Heilsplan Gottes eine wichtige Rolle gespielt hat. Aber auch wenn Jerusalem Gottes auserwählte Stadt war, bedeutete das nicht automatisch, daß ihre Beziehung zu Gott gut und ihre Rettung sicher war. Vielmehr hat die Stadt durch ihre ganze Geschichte hindurch gegen Gott rebelliert und blieb leider diesem Ruf durch die Ablehnung Jesu Christi treu. Weil sie Gottes Heil nicht anerkannte, kündigte der Herr ihre Zerstörung an:

,,Jerusalem, Jerusalem, das da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihm gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Brut unter die Flügel, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch überlassen. ... Denn Tage werden über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall um dich ausschütten und dich umzingeln und dich von allen Seiten einengen; und sie werden dich und deine Kinder in dir zu Boden werfen und werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, dafür daß du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast" (Lk.13,34-35; 19,4344; vgl. 21,20-24). Diese Weissagung Jesu erfüllte sich auf schreckliche Weise, als das römische Heer im Jahre 70 nach Christus Jerusalem belagerte und schließlich zerstörte.

Das neue, himmlische Jerusalem

Die Zerstörung Jerusalems sollte uns mahnen, das irdische Jerusalem nicht zu überbewerten. Paulus warnt vor dieser Gefahr in der Allegorie zwischen Abrahams Ehefrau Sara und ihrer Dienstmagd Hagar in Gal.4,21-31. Hier sind Christen durch ihren Glauben die Nutznießer bzw. Erben der Verheißung an Abraham und Isaak, der nicht Sohn der Sklavin, sondern Sohn der freien Ehefrau Sara war. Deswegen sind Christen im übertragenen Sinn nicht versklavt, sondern von der Sklaverei des am Berg Sinai geoffenbarten Gesetzes Moses befreit. Sie haben deshalb auch keine geistliche Bindung zu der irdischen Stadt Jerusalem, deren besondere Bedeutung aus dem Gesetz Mose kommt. Vielmehr ist "das Jerusalem droben" die geistliche Mutter der gläubigen Christen, die ihnen Leben und Freiheit schenkt. Christen ,,sind zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem gekommen", aus denen sie das ewige, unerschütterliche Leben erhalten (Heb.12,22-29). Das himmlische Jerusalem wird seinerzeit von Gott geoffenbart werden, wenn unser irdischer Leib von Tod, Trauer und Plage erlöst und umgewandelt wird (1.Kor.15,42-50; Phil.3,20-21; 0ff.21,1-14ff). Dadurch erlangen wir die unmittelbare Teilnahme an Gottes Kraft und Herrlichkeit in Ewigkeit.

Die Ermahnung in Heb.13,9-14, besonders an die Juden der Urgemeinde, lehrt, daß wir keine bleibende Stadt in Jerusalem finden. Die Kreuzigung und Auferstehung Jesu haben außerhalb der Stadttore Jerusalems stattgefunden. Somit ist die Quelle unserer Errettung nicht in, sondern außerhalb Jerusalems. Unser Dienst für Gott ist im Geist und nicht auf Jerusalem bezogen. Schon lange vorher hatte Jesus der Samariterin an der Quelle Jakobs zu Sychar erklärt, daß Jerusalem nicht mehr der Ort der wahren Anbetung Gottes sein würde (Joh.4,21-23). Wir wollen uns von den vielen prophetischen Spekulationen nicht verführen lassen. Das Reich Jesu ist nicht von dieser Welt (Joh.18,36), und wir kennen Jesus nicht mehr nach dem Fleisch (2.Kor.5,16). Wie Abraham, Isaak und Jakob, ,,erwarten wir die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist" und suchen nicht mehr nach einem irdischen Vaterland, sondern ,,nach einem besseren, das ist nach einem himmlischen" (Heb.11,10.16). Deshalb verspricht Jesus in 0ff.3,12: ,,Wer überwindet, den werde ich im Tempel meines Gottes zu einer Säule machen und er wird nie mehr hinausgehen; und ich werde auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel herabkommt von meinem Gott, und meinen neuen Namen"

Glenn Jones