Falsche Vorstellungen vom Reich Gottes

Falsche Vorstellungen, die das Reich Gottes betreffen, können geistlich verhängnisvoll sein. Manch einen veranlassen sie, das Reich Gottes völlig abzulehnen, und manch anderen, seine Natur und seinen Sinn zu verdrehen.

Es gibt in unserer Zeit einige verbreitete Vorstellungen vom Reich Gottes, wie sie auch schon vor langer Zeit an einer Frage des Johannes des Täufers in Matthäus 11, 1-15 zu erkennen waren. Der Täufer fragte Jesus: "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" Beachten wir, daß diese Frage von Johannes dem Täufer selbst kam, und daß Jesus Seine Antwort direkt an ihn richtete. Johannes hatte selbst den Heiligen Geist auf Jesus herabkommen gesehen und von Ihm bezeugt: "Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!" und "Dieser ist Gottes Sohn" (Johhannes 1,29-36). Warum hinterfragte Johannes nun sein einstiges Zeugnis von Jesus? Ich glaube wir können hinter dieser Frage einige falsche Vorstellungen entdecken und identifizieren.

Das Problem des persönlichen Wohlergehens

Johannes hatte viele Menschen zur Umkehr (Buße) und zur Erwartung des Reiches Gottes motiviert. Klar und deutlich hatte er die Messianität Jesu bezeugt. Er hatte sein Leben riskiert, um König Herodes zurechzuweisen, besonders wegen seines unmoralischen Lebens zusammen mit seiner Nichte Herodias, der Frau seines Bruders Philippus (Markus 6,17-19; Lukas 3, 19-20). Aber was war seine Belohnung? Vergegenwärtigen wir uns die Unbequemlichkeiten eines antiken Gefängnisses und die Frustration einer Gefangenschaft, nicht zu sprechen von der allgegenwärtigen Gefahr der Hinrichtung auf Befehl des Herodes oder der Herodias.

Solch entsetzliche Umstände haben viele zum Zweifeln gebracht. Johannes fragte sich, warum der Messias ihn nicht wegen seiner Wahrhaftigkeit rettete. Johannes mußte die volle Bedeutung seiner Aussage erkennen lernen: "Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen." (Johhannes 3,30). Der Wille Gottes für Johannes war nicht die physische Rettung, sondern der Tod als Märtyrer. Als geistliche Belohnung wurde Johannes von Christus als "mehr als ein Prophet" und "der größte unter den von einer Frau Geborenen" bezeichnet (Matthäus 11,9-11), und er erhielt im himmlischen Reich Gottes einen Platz unter den anderen Propheten (Lukas 13,28-29).

Hier befinden wir uns mitten in einer Lektion gegen den weit verbreiteten Irrglauben, daß der Erfolg des Reiches Christi in physischem Wohlstand zu messen und der Zweck dieses Reiches weltlicher Profit sei (1.Timotheus 6,5). Bekannte und berühmte Evangelisten wußten Medien geschickt zu nutzen, um diese Irrmeinung zu propagieren und haben so das Evangelium unglaubwürdig gemacht. Wir müssen lernen unser Leben Gott als Diener Christi unterzuordnen, gleichgültig in welchen äußeren Umständen wir uns befinden. Paulus sah seine Rettung darin, Christus zu verkündigen, egal ob im Leben oder im Tod (Philipper 1,19-20).

Gottes Plan gegen menschliche Pläne

Als Johannes seine Frage an Jesus richtete, war er durch seine Jünger über Jesu Wirken ausführlich informiert (Matthäus 11,2; Lukas 7,18) Dies bedeutet, daß in den Gedanken des Johannes Jesus sich selbst nicht klar genug als der kommende Messias darstellte und es dadurch dem Reich Gottes an Profil mangelte. Mußte Jesus sein Wirken verbessern?

Die Antwort Jesu an Johannes in Mathäus 11, 5-6 betont, daß er Gottes Plan folgte. Sein Hinweis auf Tote, die auferstehen, auf Blinde, die sehen, auf Lahme, Leprakranke, Taube und auf das Evangelium, das den Armen gepredigt wird, enthielt einen zweifachen Hinweis auf Seine Messianität: Es zeigte nicht nur Seine göttliche Macht, sondern erfüllte auch die Prophezeihungen in Jesaja 35, 4-6; 61, 1-3. Solche Zeichen enthielten angemessenen Beleg, um Menschen davor zu bewahren, an Jesu Anspruch auf Messianität Anstoß zu nehmen. Dennoch war Jesu Wirken absichtlich zurückhaltend, um Jesaja 42,1-4 zu erfüllen. Es vermied politische Massenbewegungen, Sensationslust und momentane Begeisterung, aber es betonte Gerechtigkeit und Vertrauen in den Namen des Christus (Matthäus 12,15-21). Das messianische Reich wurde nach einem Plan errichtet, der nach der Weisheit Gottes schon im alten Testament eingeführt worden war (Johannes 5, 19-20). Diese Wiesheit würde sich entgültig an ihren Früchten erweisen (Matthäus 11, 18-19) und würde nicht geändert durch irgendwelche Unzufriedenheit frommer, aber dennoch ungeduldiger Männer.

Die Notwendigkeit der Umwandlung

Jesu Offenbarung Seiner selbst und des Reiches waren nicht nur durch Gottes Plan vorgegeben, sondern auch durch die Notwendigkeit, die Menschen innerlich zu verändern. Als Reaktion auf die Frage des Johannes gab Jesus auch Seiner Sorge über Gewalt gegen das Reich Gottes Ausdruck (Matthäus 11,12). Wann immer Menschen die Botschaft Johanni und Jesu ablehnten oder veränderten, verübten sie Gewalt gegen das Reich, um es ohne Unkehr und Buße widerrechtlich zu betreten (Lukas 16,16). Das Predigen vom Reich erfolgte, damit Menschen ihrer Sünde überführt würden und umkehrten, ein Leben nach Gottes Wille zu führen. Der Schriftgelehrte in Markus 12,28-34 war nicht weit entfernt vom Reich, weil er es als tätliche Liebe zu Gott und seinem Nächsten begriffen hatte. Paulus betonte, "das Reich Gotte ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem Heiligen Geist" (Römer 14,17). Mit Nachdruck verkündete Jesus, daß das Reich nicht mit äußeren Zeichen komme, sondern inwendig im Menschen entstehe (Lukas 17,20-21).

Johannes hatte Spannung und Erwartung auf das Reich bewirkt, aber nun wurde er zusehens ungeduldig über Gottes Methoden. Auch heute erliegen viele Menschen der Neigung zur Ungeduld und suchen Erfolg durch Ersetzen der echten, die Kosten und Folgen berechnenden Umkehr durch ein "bequemes" Evangelium, welches nur den äußeren Menschen anspricht, während jedoch sein Ziel die Rettung des inneren Menschen sein sollte. Werden die Autorität der Schrift und der Kampf gegen die Sünde reduziert und in der Folge die Gemeinde des Christus in erster Linie ein Familienzentrum oder ein sozial-politisches Forum, kann kaum echte Bekehrung, also Änderung des inneren Menschen stattfinden und das Reich Gottes leidet Gewalt. Erfolg ist es, den Willen Gottes auf Gottes Art und Weise durchzusetzen.

Auch die Jünger Jesu stellten sich die Verwirklichung ihrer Träume vor. Jesu Demonstration göttlicher Macht überzeugte sie davon, daß Er ein König sein könnte, der all ihre politischen Visionen und irdischen Wünsche erfüllen könnte. Nach Johannes 6 jedoch sah Jesus in diesen Träumen falsche Vorstellungen, sogar Gefahren für die Durchführung Seines Auftrags und brachte sie zu einem abrupten Ende, was viele bewog, Ihn zu verlassen. Auch in unseren Tagen sind solche schmerzlichen Mißverständnisse nicht fremd.

Jesus und Politik

Nachdem die 5.000 Jesu Predigt von Seinem Reich gehört hatten und auf wundersame Weise gespeist worden waren (Lukas 9,11-13), wußten sie, daß Er ein ganz besonderer Prophet war (Johannes 6,14). Aber Jesus mußte fliehen, weil sie versuchten, Seine geistliche Mission in eine politische zu verkehren (Johannes 6,15). Der Herr verstand Sein Reich nie als weltliches Reich mit militärischer Macht, wie Er es klar und deutlich zu Pilatus sagte (Johannes 18,36). Jesus beabsichtigte nie den Traum zu erfüllen, daß Er als König die politische Bühne betreten, die Juden von der römischen Vorherrschaft befreien und die ökonomische Depression beenden würde.

Dies bedeutet nicht, Jesus sei ahnungslos gegenüber Politikern und politische Themen gewesen, soweit es das Wort Gottes betraf, denn Er lehrte Unterordnung unter die staatliche Führung (Lukas 20,22 f), wenngleich Er sie als brutal und ausbeuterisch beurteilte (Lukas 13,31-32; 22,25 f). Er und Seine Apostel legten eine klare Botschaft bzgl. sozial-politischer Themen wie Abtreibung, Prostitution, Homosexualität, Scheidung und Wiederheirat, Alkohol und Drogen, Kindererziehung, Kriminalität und Rassismus vor, - um nur einige zu nennen -, welche bis heute von Christen gepredigt wird. Jedoch war die Herrschaft Christi nie beschaffen, um Seine Nachfolger in politischen Einheiten zu binden, seien es Staaten oder Parteien. Wir dürfen nicht erlauben, daß Seine Gemeinden zu solchen Einheiten werden, genau so wie Jesus sich weigerte, ein weltlicher Herrscher zu sein.

Jesus und Ernährung

Die Menschenmenge, die Jesus wunderbar gespeist hatte, suchte Ihn später auf der anderen Seite des Sees Genezareth. Sie träumten von einem messianischen König, der nicht nur ihre politischen Ziele erreichen, sondern auch sofortige Heilung von Krankheit und ausreichende Ernährung für seine Anhänger garantieren könnte. Aber Jesus tadelte sie wegen ihrer Motive: "Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid. Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. Die wird euch der Menschensohn geben; denn auf dem ist das Siegel Gottes des Vaters." (Johannes 6,26-27).

Jesus hatte nichts gegen das Ernähren von Menschen an sich, denn an mindestens zwei Begebenheiten speiste Er Tausende, nachdem sie Ihm lange zughört hatten Markus 6,34-35; 8,1-9). Jedoch war Jesus ein Gegner davon, Menschen mit fleischlichen Mitteln für seine Mission zu interssieren oder daran zu binden. Auf dieser Grundlage weigerte Er sich Nahrung zu geben! Aus ähnlichem Grund verbannt das Neue Tetsament Mahlzeiten, die ausschließlich zur Stillung von Hunger oder zum Zweck gesellschaftlichen Zusammenkommens abgehalten werden, in die privaten Häuser (1.Korinther 11,21-22). Heutige, von Gemeinden geförderte Parties, Unterhaltung oder Programme zur Ernährung der Armen widersprechen der Lehre Jesu in Johannes 6.

Jesus und Zeichen

In Johannes 6,30-31 verlangeten die Menschen Zeichen von Jesus, "damit wir sehen und dir glauben". Offensichtlich hatte die wundersame Speisung, die sie erlebt hatten, schon ihre Wirkung verloren, und ein neues Zeichen war fällig. Der Herr machte Zeichen und Wunder, um geistliche Wahrheit zu lehren (Lukas 5,23-25) und Sich als den Messias auszuweisen, der in der Kraft Gottes handelt (Lukas 7,20-23; Apostelgeschichte 2,22). Beachten wir, wie Jesus von Seinen Aposteln erwartete, daß sie von Seiner Fähigkeit 5.000 Menschen zu speisen auf Seine göttliche Macht schließen (Markus 6,51-52; 8,14-21). Als es wenig Verständnis für Seine Botschaft in Zeichen gab, tat Er nur wenige Wunder und wies auf Seine Auferstehung als "das eine Wunder" hin, das den zeichen-suchenden Juden gegeben werden würde (Matthäus 12,28-40; 13,58; Markus 6,4-6). Wann immer Unglaube verhinderte, daß Jesu Zeichen Seine Macht und Prinzipien kundtaten, würden sie lediglich menschliche Sensationslust hervorrufen, die immerwährende Wiederholung von Wundern verlangt, um die Menschen für Sein Reich "in Stimmung zu halten". Nie wollte Jesus künstlich geschürte Leidenschaft. Er wollte Überzeugung hervorrufen, die alle Zeiten des Lebens überdauert, und Liebe, Eifer und Freude hervorbringt und das Bedürfnis, Seinen Namen zu preisen.

Jesus und die Worte des Lebens

Jesus sagte der Menge: "Der Geist ist's, der lebendig macht, das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben." (Johannes 6, 63) Die Worte, die Jesus sprach, sind das Mittel des Vaters, Menschen zu lehren und zu Seinem Sohn Jesus hinzuziehen, den Er als seinen Zeugen gesandt hat (Johannes 6,44-46). Jene, die diese Worte lernen und danach leben, "essen das Brot des Lebens", indem sie Sein Fleisch und Blut aufnehmen als lebensspendendes Opfer für diese Welt (Johannes 6,51-58). Jesus, der Sohn wird solche Gläubige weder verlieren, noch hinausstoßen, sondern die am Jüngsten Tag zu ewigem Leben auferwecken (Johannes 6,37.39-40). Die fleischlich Gesinnten jener Volksmenge waren blind für Jesu geistliche Botschaft und gingen voll Abscheu weg, weil sie es für eine absurde, kanibalistische Doktrin hielten; Christus machte keinen Versuch, ihnen entgegenzukommen (Johannes 6,52.60.66-69). Auch heute verspotten weltlich Gesonnene die Botschaft Christi als veraltet und den Anforderungen der Zeit unangepaßt; sie lösen sich von uns, um das Reich Christi zu säkularisieren. Wie Christus wollen wir uns ihnen nicht anpassen, sondern treu und fest zu Seiner Botschaft und Seinem Reich stehen, welche unsere Rettung zum Ziel haben.

Glenn Jones, Kiel