"Nicht alle, die aus Israel sind, sind Israel"

Die leiblichen Nachkommen Abrahams und ihre Verantwortung

Gott hat Abram zum Vater einer Menge Nationen bestimmt und deswegen seinen Namen in Abraham d.h. "Vater der Menge" umgeändert (1.Mo. 17,5-6). Viele Nationen, z.B. die Ismaeliter, die Aschuriter, die Letuschiter, die Leummiter, die Midianiter, die Edomiter stammen von Abraham ab (1.Mo. 25,3-26; 36,1f). Insbesondere aber erfüllte Gott die Zusagen an Abraham durch Isaak (1.Mo. 21,12; 22,17), aus dem später die Nation Israel entstand.

Mit großer Macht führte Gott sein auserwähltes Volk Israel aus Ägypten heraus, gab ihm das Gesetz durch den Führer und Propheten Mose und gab ihm unter Josua das Land, das den Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs lange zuvor von Gott versprochen war (Jos. 21,43-45). Mit Recht weist Paulus in Röm. 9,4-5 auf die besonderen Vorzüge Israels hin: "... Israeliten, deren die Sohnschaft ist und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Verheissungen; deren die Väter sind und aus denen dem Fleisch nach der Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. Amen".

Israels glorreiche Geschichte führte aber zu Hochmut und Mißverständnissen unter den Juden. Viele aus Israel wähnten sich in besonderer Sicherheit bei Gott allein durch die Tatsache, daß sie die biologischen Nachkommen Abrahams waren. Johannes der Täufer entgegnete diesem Mißverständnis mit den Worten: "Bringt nun der Buße würdige Früchte; und beginnt nicht, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zu Vater! Denn ich sage euch, daß Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag. Schon ist aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt, jeder Baum nun, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehaun und ins Feuer geworfen" (Lukas 3,8-9). Ferner sagte Jesus: "Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, so würdet ihr die Werke Abrahams tun; jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört habe; das hat Abraham nicht getan" (Joh. 8,39-40). Paulus erklärt grundsätzlich: "Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, noch ist die äußerliche (Beschneidung) im Fleisch Beschneidung; sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und Beschneidung (ist die) des Herzens, im Geist, nicht im Buchstaben. Sein Lob kommt nicht von Menschen, sondern von Gott" (Röm. 2,28-29).

Alle diese Worte Gottes belegen, dass Abrahams Nachkommen die Verantwortung tragen, Gottes Gnade und Rettung durch Sinnesänderung und Glaubensgehorsam anzunehmen. Paulus hatte gerade in Röm. 2,25 erklärt, daß die fleischliche Beschneidung nur dann etwas nützt, wenn man das Gesetz hält. Wenn ein Jude das Gesetz übertritt, ändert sich der Zustand der Beschneidung als wäre sie nicht geschehen. Deswegen ist der wahre Jude grundsätzlich ein "geistlich Beschnittener", der Gott von Herzen liebt (5.Mo. 10,12-22) und im Glaubensgehorsam auf Gottes Barmherzigkeit vertraut, statt auf die eigene Gerechtigkeit durch fehlerlose Befolgung des Buchstabens (5.Mo. 30,1-14).

Die Beschneidung des Herzen hat mit dem Kommen Jesu Christi eine neue, entscheidende Bedeutung und Anwendung erlangt.

Die geistlichen Nachkommen Abrahams unter Juden und Heiden

Die Bedeutung der "geistlichen Nachkommen" Abrahams erklärt Paulus in Röm. 4 wie folgt: Abraham ist nicht durch Verdienst, sondern wegen seines Vertrauens aus Gottes unverdienter Gunst gerechtgesprochen worden (4,1-8). Diese unverdiente Rechtfertigung ist aber durch Abrahams Glaube an die Zusagen Gottes geschehen, als Abraham noch nicht beschnitten war (4,9-13). Daraus ist erkennbar, daß die Teilnahme an Gottes versprochenem Segen für die Welt durch Abraham weder die Beschneidung noch das Gesetz Mose voraussetzen, da beide später als die erwähnte Rechtfertigung kamen. Ausserdem fordert das Gesetz Leben durch fehlerlose Erfüllung aller Bedingungen, was wegen der menschlichen Schwäche nicht möglich ist und nur Gottes Zorn bewirkt. Wenn die Versprechen Gottes an Abraham von einer derartigen fehlerlosen Befolgung des Gesetzes abhingen, wären sie nichtig, weil sie nicht zu verwirklichen sind (4,14-15). Darum setzt die Teilnahme am Segen der göttlichen Zusagen an Abraham eine Gerechtsprechung voraus, die aus dem Vertrauen auf Gottes Gnade kommt (4,16a), wie bei Abraham in seiner Unbeschnittenheit (4,12). Wer also Gottes Rechtfertigung aufgrund des Vertrauens auf göttliche Gnade bekommt, hat Abraham zum "Vater" und ist sein "Nachkomme", sei er Jude oder Nichtjude. Auf diese Weise, so heißt es in Röm. 4,17, sind die Gläubigen Nachkommen Abrahams und werden wie Erben des Segens seiner Zusagen behandelt. So ist Abraham "Vater" vieler Gläubiger geworden.

Damit erfüllte sich das Vorhaben Gottes in geistlicher Hinsicht, Abraham zum Vater vieler Nationen, insbesondere der geistlichen Nachkommen durch den Glauben zu machen (4,16-17). Abrahams grosses Vertrauen auf Gottes Zusagen, auch als nach menschlichem Verständnis nichts zu hoffen war, brachte ihm Gottes Rechtfertigung und muß auch unseren Glauben kennzeichnen (4,19-22).

Heute erlangen wir diese Rechtfertigung durch den Glauben an den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Nur so können wir Abraham zum Vater haben und zu Erben seiner göttlichen Zusagen werden (4,23-25). Gal. 3,7-9 erklärt das so: "... die aus Glauben sind, diese sind Abrahams Söhne. Die Schrift aber, voraussehend, daß Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen werde, verkündigte dem Abraham die gute Botschaft voraus: In dir werden gesegnet werden alle Nationen. Folglich werden die, die aus Glauben sind, mit dem gläubigen Abraham gesegnet."

Weder Abrahams physische Nachkommenschaft, noch die leibliche Beschneidung begründen die Errettung und Gemeinschaft mit Gott.

Die Notwendigkeit des Glaubens an Jesus Christus für Israel

Wer dieses Prinzip kennt, weiß, warum Paulus in Röm. 9,6 schreibt: "Denn nicht alle, die aus Israel sind, die sind Israel." Um in Israel zu bleiben, das Gott anerkennt, muß man sich immer Gottes Bedingungen für die Barmherzigkeit unterwerfen. Gott ist derjenige, der seine Zusagen und Barmherzigkeit durch Abraham, Isaak, Jakob und den Auszug Israels aus Aegypten und seine Eroberung des versprochenen Landes bestimmt und vollendet hat.

Gott hatte aber noch etwas im Sinn. Er wollte die Nichtjuden zu seinem Volk machen! Deswegen ließ Er durch Hosea sagen: "Ich werde "Nicht-mein-Volk" mein "Volk" nennen und die "Nicht-Geliebte" "Geliebte", und es wird geschehen, an dem Ort, da zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden" (Röm. 9,25-26; vgl. Hosea 2,1.25). Das heidnische Volk ist durch den Glauben an Jesus Christus zum Volk Gottes geworden, aber für viele Juden war der Christus der Stein des Anstoßes und der Fels des Ärgernisses in Zion und sie haben ihn nicht angenommen (Röm. 9,30-33; 10,1-12). Dieser Unglaube hatte Konseqünzen für die Menschen Israels. Sie erlangten nicht Gottes Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus geschenkt wird, und verloren ihre Gemeinschaft mit Gott.

Paulus beschreibt Gottes Plan für Israel in Röm. 11,16-24 als einen heiligen Ölbaum, der von heiligen Wurzeln getragen wird. Die Konsequenzen des Unglaubens für Israel werden so bildhaft dargestellt. Um an diesem Baum zu bleiben, muß man an den Christus glauben, ansonsten wird man, selbst als natürlicher Zweig (Jude), herausgebrochen (Röm. 11,20-21). Die gläubigen Heiden werden in den heiligen Ölbaum als "wilde Zweige" eingepfropft und werden da bleiben, sofern sie treu sind.

Bezüglich der herausgebrochen natürlichen Zweige (= die Ungläubigen aus Israel) sagt Paulus in Röm. 11,23: "Aber auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden, denn Gott ist imstande, sie wieder einzupfropfen." Wenn Röm. 11,26 die Errettung der ganzen Nation Israel als Geheimnis voraussagt, so kann diese Errettung nur dadurch geschehen, daß Israel den Glauben an Jesus Christus, den Paulus gepredigt hat, vor dem Erscheinen Christi annimmt und dadurch wieder in den heiligen Ölbaum eingepfropft wird.

Warum vor dem Erscheinen Christi? Nach Hebräer 9,27-28 entspricht das Wirken Christi der normalen Reihenfolge menschlichen Daseins, nämlich einmal zu sterben und danach gerichtet zu werden. So ist Christus einmal für die Sünde gestorben und wird das zweite Mal erscheinen, nicht um Sünde (auch nicht die Sünden Israels) wegzunehmen, sondern die Erwartung der schon Erlösten auf die ewige Errettung zu vollenden. Deswegen ist die "geistliche Beschneidung" in Jesus Christus in dieser Zeit um so dringender. Durch die geistliche Beschneidung legt man, wie es in Kol. 2,11-14 zu lesen ist, das alte sündhafte Leben durch Glauben in der Taufe ab. In der Taufe erlangt man durch die Gemeinschaft mit Jesu Tod und Auferstehung die Sündenvergebung und das geistliche Leben aus Gott. Denn in der Taufe tilgt das Sühnopfer Christi am Kreuze für jeden den Schuldschein, der den Tod wegen seiner übertretung der Satzungen Gottes verlangte. Nur so wird man ein Sohn Gottes und damit Nachkomme Abrahams und Erbe nach der Verheißung (Gal. 3,26-29).

Glenn Jones