Hans Godwin Grimm,
Mannheim, 1958
Die Frage nach dem Wesen der Herrennachfolge, nach dem wahren Wandel im Licht neutestamentlicher Erkenntnis, ist immer zugleich eine Frage nach dem Wesen der Kirche, der Gemeinde Christi selbst. Dass diese Frage heute wieder in den Vordergrund des Denkens tritt, beweist nur, dass alle sich christliche Kirchen nennenden Heilsanstalten oder Weltanschauungsgebilde durch soziale und ideologische Umwälzungen erschüttert worden sind, die ihren Bestand in Frage stellen oder sogar grundlegend verändern. Von diesen Erschütterungen ist wohl die Gemeinde des Herrn verschont geblieben, aber auch sie ist, gerade weil sie es verstanden hat, sich von institutionellen und sektiererischen Verunreinigungen ihres Wesens frei zu erhalten, den ununterbrochenen Angriffen von Großkirchen und Sekten ausgesetzt. Auf diese Angriffe zu antworten, soll die Aufgabe der bescheidenen Broschüre sein, von der betont werden muss, dass sie nicht die "offizielle Lehrmeinung" der Gemeinden Christi, sondern einzig und allein die Auffassung ihres Verfassers, der die Gnade hatte, schon in seinem 17. Lebensjahr (1916) vom Herrn der Kirche in der Taufe zugetan worden zu sein, darstellt. Die Gemeinden Christi haben kein Lehrsystem, denn Richtschnur für Glauben und Leben ist ihnen allein die Heilige Schrift. Sie haben daher auch weder Zentrale noch Predigerseminar, weder Katechismus noch Gesangbuch, weder eine eigene Zeitschrift noch eine eigene autorisierte Literatur. So wird auch diese Schrift von ihren Gliedern nur insoweit gebilligt, als sie mit Geist und Buchstabe der letzten Offenbarung Gottes in seinem lieben Sohn in dem durch den Heiligen Geist gewirkten Neuen Testament sich deckt.
Diese Schrift hier soll sich mit den Begriffen "Kirche" (oder Gemeinde) und "Sekte" auseinander setzen. Versuchen wir uns zuerst einmal über den Begriff Kirche bzw. Gemeinde klar zu werden.
Da haben wir festzustellen, dass das Wort "Kirche" interessanterweise in der ursprünglichen Verdeutschung des Neuen Testamentes durch Luther nirgends vorkommt. Der deutsche Reformator übersetzt das griechische Wort ekklesia (sinngemäß: die durch Heroldsruf versammelte Volksgemeinde) regelmäßig durch "Gemeinde". "Das Wort Kirche ist bei uns zumal undeutsch und gibt den Sinn oder Gedanken nicht, den man aus dem Artikel nehmen muss", schreibt er in seinem Traktat "Von den Konzilien und Kirchen" vom Jahre 1539. Wir wollen es in diesem Punkte gern mit ihm halten und auch also verfahren.
Jesus Christus redet nur an zwei Stellen von der Gemeinde:
Matth. 16:18 und Matth. 18:16-18. Die Stelle im 16. Kapitel ist die bekanntere, gründet doch die römische Kirche auf sie die Ansprüche ihres Oberhauptes als des Nachfolgers Petri. Und wirklich muss man zugeben, dass hier keine andere Auslegung möglich ist als die: Petrus soll der Fels sein, auf den der Herr seine Gemeinde erbauen wird, Fels natürlich nicht in dem Sinne, dass er wie Christus Grund- und Eckstein derselben ist (Matth. 21:42), sondern dass er der Mann sein soll, bei dessen Heroldsruf die Gemeinde zum ersten Mal sich versammelt. Petrus, der Felsenmann, bezeichnet also die geschichtliche Gründung der Gemeinde, und tatsächlich hat er auch diese ihm aufgetragene Sendung mit seiner Pfingstpredigt ausgeführt. Durch sein Wort tat der Herr an dem Tage bei 3000 Seelen zu der Gemeinde, die Buße getan und sich taufen gelassen hatten auf den Namen Jesu Christi zu Vergebung der Sünden (Apg. 2:14-41). Wie wenig aber damit dem Petrus ein besonderes Vorrecht vor den anderen Aposteln eingeräumt worden war, geht aus Matth. 18:18 ganz deutlich hervor, wo die gleiche Vollmacht zu binden und zu lösen allen Jüngern zugesprochen wird. Nach Gal. 2:9 empfingen Paulus und Barnabas in Jerusalem nicht von Petrus allein, sondern auch von Jakobus und Johannes, die mit ihm "als Säulen angesehen wurden", den Auftrag zur Heidenmission. Denn jene Gemeinde, die Christus Matth. 16:18 dem Petrus zu gründen aufgetragen hatte, ist lt. Eph. 2:20 nicht auf Kephas allein, sondern "auf den Grund der" d.h. aller "Apostel und Propheten erbaut werden, da Jesus Christus der Eckstein ist", und die Mauer der großen Stadt, des heiligen Jerusalem der Offenbarung des Johannes, welche die Gemeinde versinnbildlicht, "hatte zwölf Gründe und in denselben die Namen der zwölf Apostel des Lammes" (Offbg. 21:14). Auch ist von einer besonderen Machtstellung, die dem Petrus übertragen worden wäre, nirgendwo im Neuen Testament die Rede. Die Ausführungen des Paulus im 2. Kapitel des Galaterbriefes, besonders die in den Versen 8-14, widerstreiten dem sogar direkt. Dass aber den so genannten "Nachfolgern" des Petrus diese Vollmacht übertragen worden sei, ist gänzlich ausgeschlossen. Petrus war ein Apostel Jesu, d.h. einer seiner Sendboten, der entweder Augen- und Ohrenzeuge der Lehren, Taten, Schicksale seines Herrn von der Taufe durch Johannes bis zur Himmelfahrt gewesen (Apg. 1S21-22) oder durch den Herrn persönlich zu dieser Aufgabe berufen worden sein musste (Gal. 1:1). Die Vollmachten eines Apostels konnten so wenig auf einen anderen Menschen übertragen werden, wie die Aussagen eines Augenzeugen auf einen anderen Menschen.
Die zweite Stelle, in der Christus selbst von der Gemeinde spricht, steht Matth. 18:16-18, wo für gewisse Angelegenheiten des Gemeindelebens Richtlinien erlassen werden. Diese Richtlinien widerlegen allein schon die Behauptungen liberaler Theologen, Jesus habe niemals die Absicht gehabt, eine eigene Glaubensgemeinschaft im Gegensatz zur israelitischen zu gründen. Darum rede auch der Herr nie von einer Gemeinde, sondern nur vom sich nahenden Himmelreich oder vom Reiche Gottes. Demgegenüber ist, wie Ernst Kalb ganz richtig ausführt, zu bemerken, dass Jesus tatsächlich schon den Kern einer Gemeinde gebildet hat, als er die Zwölfe als einen engeren Kreis von Vertrauten um sich sammelte. Die Jünger sind von Jesus erwählt und sind in beständigem Umgang mit ihm gewesen; sie sollen sein Werk fortsetzen, die frohe Botschaft hinaustragen in die Welt; sie sollen durch Prophetie, Lehre und Schriftauslegung wirken (Matth. 23:34). Alles was sie tun, soll jederzeit ein Dienst der Liebe sein. Sie sollen keine Vorgesetzten der Gemeinde sein; sie sollen sich noch nicht einmal Magister oder Doktor nennen lassen (Luk. 22:25-26; Matth. 23:8-9).
Das sind Ansätze zur Bildung einer Gemeinde Christi, wie sie schon in Leben und Wirken Christi deutlich hervortreten. Freilich hat der Herr über die Art der Verfassung, über die äußeren Ordnungen des Gemeindelebens mit Ausnahme der Richtlinien über die Zucht (Matt. 18:16-18), das Herrenmahl (Luk. 22, 17-20) und die Taufe (Matth. 28:19:20; Mark. 16:16) keine statutarischen Vorschriften gegeben. Er wusste, dass der Tröster, der da kommen würde, der Heilige Geist, sie in allen diesen Stücken in alle Wahrheit leiten werde.
Eine Unterscheidung zwischen Gemeinde Christi und Reich Gottes oder Himmelreich kann bei genauem Studium aller sich hierauf beziehenden Schriftstellen nicht gemacht werden. Auch eine Unterscheidung zwischen Äußerem (Gemeinde) und Innerem (Reich Gottes) entspricht dem Sinne Jesu nicht. Freilich ist das Reich Gottes, das höchste Gut, der Schatz im Acker, die kostbare Perle etwas, das der Mensch sich innerlich aneignen muss, und die Gemeinde ist als Vereinigung der durch die Predigt des Wortes Zusammengerufenen, sich unter der Macht des Wortes sich gänzlich Wandelnden, zu Christus als Gottes Sohn und einzige Autorität sich Bekennenden und in seinem Namen zur Vergebung ihrer Sünden Getauften etwas, das äußerlich sichtbar geworden ist. Aber die Gemeinde ist doch nur Gemeinde Christi, sofern sie in Christo und Christus in ihr ist (Matth. 18, 20; 28:20), und das Reich Gottes tritt doch auch durch die Früchte des Glaubens und der Liebe äußerlich in Erscheinung! Die "Mitbürger des Heiligtums und Familienangehörigen Gottes" (Eph. 2:19) sind eben, in ihrer gemeindlichen Verbundenheit betrachtet, die Kirche Christi und die Verwirklichung des Reiches Gottes innerhalb der gegenwärtigen Welt. Julius Köstlin sagt es nachdrücklich: "Für wahre Glieder seiner Gemeinde können nur die gelten, welche wirklich als seine Jünger verbunden und in seinem Namen nach Matth. 18 versammelt sind und eben hiermit auch am Reich teilhaben. Und andererseits lässt sich von keinem, der den Samen des Wortes aufgenommen und am Reiche teil hat, denken, dass er der Gemeindegenossenschaft fremd bleiben sollte." Diesem Wort des lutherischen Gottesgelehrten in seinem empfehlenswerten Werke "Religion und Reich Gottes", 1894, kann die Beweiskraft der Schrift nicht abgesprochen werden.
Während in den Reden Jesu der Begriff der Gemeinde hinter dem des Himmelreichs oder Reiches Gottes zurücktritt, ist in den Schriften der Apostel und ihrer Schüler das umgekehrte Verhältnis zu beobachten. Wohl sind die gläubig Getauften jetzt schon "errettet von der Obrigkeit der Finsternis und versetzt in das Reich" des geliebten Gottessohnes, jetzt schon "samt ihm auferweckt und samt ihm in das Himmelssein gesetzt" (Kol. 1:13; Eph. 2:6), wohl nehmen sie schon in diesem Leben teil an den geistigen Gütern des Himmelreiches: "Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geiste" (Röm. 14:17). Aber zu seiner Entfaltung und zu seinem Offenbarwerden vor allen Menschen kommt dieses Reich erst in der zukünftigen Weltperiode. Wo also die Apostel von der klar umrissenen Gemeinschaft der Christus im Glauben Gehorsamen reden, da reden sie nicht vom Reich Gottes, sondern von der Gemeinde.
Diese Gemeinde Christi aber wird nicht bloß aufgefordert, heilig zu sein, sondern sie heißt schon "heilig" und ihre Glieder die "Heiligen", da sie Gott sich aufgeopfert, also geheiligt in der eigentlichen Bedeutung des Wortes haben. So redet Paulus von den Gemeinden als von den in "Christo Geheiligten" oder den "berufenen Heiligen" (1. Kor. 1:2; 2. Kor. 1:1; Röm. 1:7 u.a.); und in 1. Petr. 2:9 wird die Bezeichnung des Volkes des Alten Bundes, "heiliges Volk", auf die Christen übertragen; die einzelnen Glieder der Gemeinde sind von Gott berufen, von Gott "ausgesondert" aus dem Reich der Welt, also geheiligt. Wer zu dieser Gemeinde gehört, der steht mit Gott und seinem Christus in innigster Lebensgemeinschaft; der hat in der Taufe "Christum angezogen" (Gal. 3:27), ist "gewaschen worden, geheiligt und gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesu und durch den Geist unseres Gottes" (1.Kor. 6:11). Trotz aller ihnen noch anhängenden Fehler und Mängel, trotz der Möglichkeit der Sünde und des Falles sind sie Heilige, d.h. Gott geheiligte Menschen. "Der Herr kennet die Seinen" (2. Tim. 2:19) und erkennet nur die Seinen als seine Heiligen an. Diejenigen, die "aus der Gnade gefallen" sind, gehören gar nicht mehr zur Gemeinde Christi, betont auch der lutherische Symboliker Kalb mit vollem Recht.
Nach neutestamentlicher Auffassung treten nicht die einzelnen Gläubigen zusammen, um eine Gemeinde zu bilden, sondern die einzelnen Christen werden von Gott erwählt und der schon bestehenden Gemeinde "hinzugetan". Die Gemeinde ist also als solche zuerst da. Sie ist von oben her gebildet worden durch Christus, und Gott tut zu dieser Gemeinde hinzu, wen er will. Wo Christus ist, wo sein Wort verkündigt wird durch die Predigt des Mundes oder die Werke des Glaubens, da ist Gemeinde Christi, ganz abgesehen davon, ob auch regelmäßige Versammlungen dort abgehalten werden. Denn die "Mutter der Gläubigen", wie Gal. 4:26 die neutestamentliche Gemeinde genannt wird, ist schon vor den Kindern da, der "Leib Christi", seine Kirche also (1. Kor. 12:13; Eph. 1:22-23; 4:15-16; 5:23-30; Kol. 1:18-24), ist zuerst da, nicht die einzelnen Glieder; und ein Glied, das vom Leib getrennt ist, stirbt ab.
In dieser Gemeinde Christi gab und gibt es Ämter oder Berufungen. Bezeichnend hierfür ist jedoch, dass sie stets als diakonia, d.h. als Dienstleistung bezeichnet werden, da nach neutestamentlicher Auffassung das Amt auf einer besonderen Gabe, einem charisma, beruht, das dem Einzelnen von Gott verliehen worden ist und in den Dienst der Gemeinde gestellt werden soll.
Die drei am häufigsten vorkommenden Bezeichnungen für solche Ämter und ihre Träger sind episkopoi (Bischöfe, Aufseher), presbyteroi (Älteste) und diakonoi (Pfleger). Die Bezeichnungen Bischöfe und Älteste erscheinen auswechselbar und sind daher identisch. Eine Anzahl dieser angesehenen Gemeindemitglieder standen und stehen in der Leitung jeder der voneinander völlig unabhängigen Gemeinden und hatten miteinander die Angelegenheiten der Versammlung zu beraten und zu besorgen. Auch die Pfleger, die vor allen Dingen als "Diener der Notdurft" sich mit den Aufgaben der leiblichen Fürsorge für die Glieder und die Bedürftigen zu beschäftigen haben, unterliegen denselben Auslesevorschriften, die auch für die Bischöfe oder Ältesten gelten (1. Tim. 3; Tit. 1). Es werden nur solche Männer berufen, die nach dem Urteil der Gemeinde die für das betreffende Amt notwendigen Gaben besitzen. Aber eine Vorschrift, wie solch eine Berufung vor sich gehen müsse, findet sich im Neuen Testament nicht, in dem uns niemals der Geist der Gesetzlichkeit, sondern stets der Geist der Freiheit entgegenweht. Alle Ordnungen der Gemeinde und des Gottesdienstes werden so gestaltet, wie sie dem Wort Gottes in den Schriften des Neuen Bundes angemessen sind. Im Licht dieser evangelischen Freiheit konnte niemals das Unkraut des Klerikalismus gedeihen.
Doch das "Geheimnis der Bosheit regte sich bereits", als Paulus seinen zweiten Brief an die Thessalonicher schrieb. So kann es nicht überraschen, wenn schon die den Aposteln folgende Generation eine zunehmende Zentralisierung der Ämter in der Gemeinde in den Händen eines einzelnen Bischofs, die Herstellung von Gemeindeverbänden (Diözesen), Konzile der Ältesten und Bischöfe in den einzelnen Provinzen des Römischen Reiches und schließlich die Usurpierung der Leitung der Gesamtgemeinde durch die Reichsbischöfe von Rom und Konstantinopel herannahen sah.
Der Kern der Gemeinden Christi wehrte sich verzweifelt gegen diese Entwicklung, die folgerichtig unter Kaiser Konstantin zur Schaffung einer mächtigen, mit dem Staat Hand in Hand arbeitenden, die alten Organisationsformen nach und nach beseitigenden und die Lehre durch Hereinnahme hellenistisch-philosophischer und orientalisch-magischer Elemente völlig ihres Sinns beraubenden Großkirche führte. Die kleinen Sekten der Apostelzeit, deren Spuren uns in den Briefen an die Korinther, Galater und an Titus begegnen: in pharisäische Gesetzlichkeit zurücksinkende Judenchristen oder unreiner Erkenntnis höherer Welten nachstrebende Gnostiker, hatten schon längst in Hunderten sich eifrig untereinander befehdender Kultgemeinschaften und Glaubensschulen Weggefährten auf dem bequemen und breiten Weg, der in die Verdammnis führt, gefunden. Nun schuf die Errichtung der Staatskirche neue Probleme und damit neue Sektierergruppen, die keineswegs gegen das Prinzip der vom Staat gelenkten oder kontrollierten Kirche an sich auftraten, sondern nur ihre christologische oder organisatorische Sonderheit zur herrschenden Richtung im Reiche machen wollten. In der Auseinandersetzung mit diesen Abspaltungen und Ketzern bildete sich das dogmatische Lehrgerüst der abendländischen und morgenländischen Großsekten heraus, und ihr Feldzug gegen die Sektierer wurde auch und gerade mit Staatsmitteln gegen die kleinen unabhängigen Gemeinden Christi geführt, die - nur das Neue Testament als Grundlage ihres Glaubens und Gottesdienstes anerkennend sich gegen die Aufsaugung durch die Sekten des Verderbens aller Schattierungen nur mühsam wehren konnten.
Das Unwesen der Sektiererei nimmt in diesem 20. Jahrhundert, allen Voraussagungen der Apologeten und Symboliker der Jahrhundertwende spottend, noch immer eher zu als ab. In Deutschland hat sich z. B. die Zahl der bekannten Sekten (und wie viel Fünf-Mann- oder besser Fünf-Frau-Sekten gibt es, von denen höchstens die allernächste Umgebung etwas weiß! Von 83 im Jahre 1898 auf 272 im Jahre 1957 erhöht, in Holland von 160 auf 348, in den Vereinigten Staaten von 169 auf 247, in Südafrika aber gar von 32 im Jahre 1909 auf 783 im Jahre 1956, und in Brasilien ist die Entwicklung noch rascher vor sich gegangen: von 9 im Jahre 1907 auf 821 im Jahe 1957! Und alle die genannten Zahlen beruhen, wie gesagt, nur auf höchst unvollständigen Statistiken.
Die Quelle aller Sektierereien, mögen sie so verschieden voneinander sein wie Unitarismus und Mormonismus, Pfingstbewegung und Freireligiosität, Katholizismus und Calvinismus, ist die mangelnde Kenntnis der neutestamentlichen Botschaft und die daraus sich ergebende völlige Verkennung Christi als des einzigen Offenbarers göttlichen Wesens in diesem letzten, und darum entscheidendsten Abschnitt der Menschheitsgeschichte.
Es ist eine Binsenwahrheit: Erkenntnis von Offenbarung beginnt nicht immer mit Klarheit. Sie kann an Klarheit zunehmen, sie sollte an Klarheit zunehmen. Unter allen Umständen aber beginnt Offenbarung mit Gewissheit. Entweder Gott hat gesprochen durch die heiligen Männer, die, getrieben vom Geiste, das Offenbarte schriftlich niederlegten, oder er hat nicht gesprochen. Hat er gesprochen, dann hat er unüberhörbar gesprochen. Dann sind alle Fragen nach Gottes Dasein und Wesen entschieden, und zwar für immer entschieden. Auch der theologisch oder philosophisch genährte Zweifel, auch die Verzweiflung, auch der Unglaube des Menschen, auch ein Meer von Unwissenheit auf unserer Seite, können dann nichts ändern an dieser Gewissheit von der Gegenwart Gottes. Diese seine Gegenwart bei den Menschen ist seine Offenbarung. Es gibt und wird immer geben - darin geben wir Barth völlig recht - unzählige menschliche Fragen angesichts dieser seiner Gegenwart. Aber sie alle beziehen sich nicht auf die Gewissheit der uns durch den Heiland gewordenen Offenbarung, sondern ausschließlich auf die in der Offenbarung seiner Gegenwart schon gegebenen Antwort. Die Gewissheit hat das erste und das letzte Wort, nicht als unsere, aber als Gottes eigene Gewissheit.
Gottes Offenbarung in Christus trägt den Charakter der Einmaligkeit. Wie der Mensch nur einen Vater haben kann - wie er nur einem Menschen zugleich in die Augen schauen kann, nur eines Menschen Wort zugleich in sich aufnehmen kann, - wie er körperlich nur einmal geboren werden und nur einmal sterben kann, so kann er auch nur eine Offenbarung glauben und erkennen. Man kann eine Anzahl von Religionen nebeneinander stellen und vergleichen, man kann aber nicht eine Mehrzahl von Offenbarungen gleichwertig nebeneinander stellen. Wer Offenbarung sagt, sagt eine einzige Offenbarung, ein für alle Mal geschehen, unwiderruflich und unwiederholbar, so gewiss Gott ein einziger Gott ist. Vor dieses Gottes Wirklichkeit versinken alle Möglichkeiten, vor dieses Gottes Wahrheit verflüchtigen sich alle Wahrscheinlichkeiten, vor dieses Gottes Angesicht gibt es kein Ausweichen nach links oder rechts, keine Wahl, sondern nur immer wieder eine Entscheidung. Wir sprachen von der Erkenntnis der Offenbarung. Wir konnten nicht davon sprechen, ohne das Entscheidende faktisch schon vorwegzunehmen hinsichtlich der Frage nach Wesen und Inhalt der Offenbarung. Warum also jene Gewissheit, jene Einmaligkeit der Offenbarungserkenntnis? Darum, weil Offenbarung, weil das, was den Propheten des Alten Bundes und den Gotteskindern des Neuen Bundes widerfuhr, nicht weniger ist als Gott selber. Darum ist und bleibt Offenbarung ein Geheimnis, d.h. eine Wirklichkeit, die wir in aller Ewigkeit nur aus sich selber, nicht aber von anderswoher verstehen, ableiten, begründen können. Gott ist aus und durch sich selber. Darum ist und bleibt er der Gott, der sich nur in seinem Sohn und in seiner Offenbarung, der Heiligen Schrift, jenem Dokument des Heiligen Geistes, erahnen lässt. Seine Offenbarung aber haben wir, die wir uns erkühnen uns Christen zu nennen, den Anfang unseres Denkens sein zu lassen, nachdem sie selber für sich selber gesprochen hat. Und darum ist sie Autorität, d.h. Wahrheit, die nicht gemessen ist an dem Maßstab irgend einer, und wäre es die tiefste und aufrichtigste Menschen-Wahrheit. Weil also die Offenbarung Gottes in der Schrift Gott selber ist, ist die Schrift selbst das letztinstanzliche Gericht über den Menschen: Gnade für den, der im Glauben ihr Verdammungsurteil annimmt als göttliches Recht, - Verdammnis für den, der nicht Gnade annehmen, sein eigenes menschliches Recht, seine menschliche Meinung vielmehr gegen die göttliche Offenbarung geltend machen will. Wo ein eigenmächtig ersonnener Erlösungsplan und Erlösungsweg, beruhend auf einer eigenmächtigen Vorstellung von Gott und dem Menschen, das Feld beherrscht, da mag die Meinung noch so herzlich gut und fromm sein - da ist nicht Gemeinde Christi, da ist nicht jene Kirche, die die Pforten der Hölle nicht überwältigen können. Da ist eben Sekte!
Denn das Wesen der frohen Botschaft des Gottessohnes Jesus Christus, durch seine Jünger jeglicher Kreatur gepredigt, besteht darin, dass eben dieser Gott die Menschen, die Welt - also Gute und Böse, Törichte und Gescheite - so geliebt hat und noch liebt, dass er den Eingeborenen selbst gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern ewiges Leben haben. Denn so viele ihn aufnahmen, so viele in sich die große Sinnesänderung vollziehen ließen, so viele ihn freudig oder zitternd bekannten vor den Menschen, so viele ihrem Glauben den Gehorsam als herrlichste Frucht folgen ließen, denen gab er mit der Taufe zur Vergebung ihrer Sünden die Kraft, Gottes Kinder zu sein. Den Kindern allein aber gilt die Verheißung: der verlorene Sohn allein darf reuig heimkehren zu seinem Vater und getröstet werden. - So ist Christus, der gottentstammte und gottgesandte Heiland, die Gewissheit unserer Erlösung: einziger Weg, einzige Wahrheit, einziges Leben, - und niemand kommt zum Vater, denn durch ihn.
Das gerade Gegenteil von dem allen aber lehren die Sektierer. Sie alle glauben, mehr oder minder verschleiert durch theologische Floskeln und nebelhafte Verklausulierungen, dass der Mensch durch seine eigene Tat, durch seine eigenen Leistungen selig und heilig werden und zu Gott emporsteigen könnte und müsste. Das ist das eigentliche Merkmal des Sektierertums. Bei der Sekte, bei jeder Sekte, und mag sie noch so vollen Mundes von Christus, seinem Verdienst und seinem Blut sprechen, kommt es zuletzt immer wieder darauf hinaus, dass der Mensch mit seinem Tun und Glauben die Quelle seines Heils und seiner Heiligung sein könnte und müsste, - dass er selbst Gott erfassen, zu ihm kommen und mit seinem Verdienst; seinen guten Werken und seiner Tugendhaftigkeit und Gerechtigkeit vor ihm bestehen oder mindestens etwas zu seiner Erlösung und Seligkeit beitragen könnte: das glauben sie alle, von den Pfingstlern bis zu den Romkatholiken.
Wer aber erst einmal den Grundirrtum der Möglichkeit einer Erlösung aus eigener Kraft oder mit Hilfe der so genannten guten Werke anderer begeht, wird dann leichte Beute für alle anderen Irrlehren. Er ist auf die schiefe Ebene geraten und gleitet auf ihr unaufhaltsam weiter und weiter dem Verderben entgegen, dabei aber in dem Wahn lebend, er steuere in die ewige Seligkeit. Weil die Sektierer aller Schattierungen das Evangelium nicht verstehen und durch verdienstliches Tun errettet zu werden hoffen, wo unverdiente Gnade doch nur uns zum Glauben geführt hat, ist es nur natürlich, dass sie alles, was es an Gebot und Lehre in der Bibel gibt oder alles, was sie sich selbst an Geboten und Lehren erdenken, nur als Gesetz, als Himmelsleiter, als Mittel zur Heiligkeit betrachten, die benutzt werden müsse, um gerecht, tugendsam und heilig zu werden, sich das ewige Heil zu verdienen und vor Gott bestehen zu können. Fremd ist ihnen die beseligende neutestamentliche Erkenntnis, dass der durch Gottes Gnade unter das Wort gerufene, durch das Wort gläubig gewordene und nach der Vorschrift des Wortes getaufte und damit wieder geborene Mensch nach den Geboten Gottes lebt und nach der Heiligung strebt, nicht um selig zu werden, sondern weil er nun selig ist und daher vollkommen zu sein wünscht, wie sein Vater im Himmel es ist.
Auf denselben Grundirrtum gehen aber auch die törichten Ansichten der Irrlehre über die Bibel selbst zurück. Weil sie das Evangelium als die allein selig machende Botschaft Gottes an die verlorene Menschheit nicht begreifen, machen sie keinen Unterschied zwischen Altem und Neuem Testament und sehen die ganze Heilige Schrift als sie verpflichtendes Gesetzbuch an. Es bleibt ihnen die göttliche Wahrheit unbekannt, dass die ganze Bibel nur um des Evangeliums willen da ist, und nicht das Evangelium um der Bibel willen, und dass ebenso das Evangelium um der Menschen willen da ist und nicht die Menschen um des Evangeliums willen. Mit der falschen Stellung zu Gottes Wort aber hängt eng zusammen der falsche, unevangelische Gebrauch der Bibel. Die von Menschen erdachten Lehren legen sie in die Bibel hinein, um sie dann der Bibel wieder zu entnehmen. Aber alle diese Sonderlehren werden immer nur mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelsprüchen begründet. Die so fundiert gemeinte Lehre wird dann zur Zentrallehre der Bibel überhaupt und zu der neuen Botschaft erhoben, die durch Missionare, Apostel, Evangelisten oder ähnlich sich nennende Propagandisten in die Welt getragen werden muss. Die ganze übrige Heilige Schrift wird nur noch als Beweismittel für die Hauptgrundsätze der Sekte benutzt. Reichen die aus einer Konkordanz gezogenen Parallelstellen nicht aus, so greift man zu wildester und willkürlichster Allegorie, zur Versinnbildlichung oder zu grammatikalisch unmöglichen Neudeutungen von biblischen Begriffen: Und dieses Suchen nach Beweisen für die Richtigkeit vorgefasster Meinungen wird dann noch wie zum Hohn, "ernstes Bibelforschen" genannt!
Weil die Sektierer aber nicht durch die völlige Übergabe an Christus, nicht durch die Taten Gottes, sondern durch eigene Leistungen ihre Heiligkeit erlangen wollen, ist es nicht mehr wie selbstverständlich, dass sie entweder in Selbstvergötterung enden oder einen hässlichen, bald offenen, bald versteckten Menschenkultus treiben müssen. Ihnen ist eben nicht die Gottestat in Christo das Höchste, sondern die dämonisch flackernde Erleuchtung ihres Stifters oder Propheten. Sie sind somit Götzendiener, wie die Heiden, und ihre Predigtweise ist nicht geduldiges Verkünden Christi und seiner frohen Botschaft, sondern ein fanatisches und unehrliches Werben für die eigene Sache. Der Beeinflussung unwissender und einfältiger Gemüter aber dienen Drohungen mit der Hölle, Lockungen mit dem Himmel, Versprechen des Mitherrschens mit Christus über die Ungläubigen auf dieser Erde, Einschüchterungen aller Art, Träume, Tränen und Geständnisse, Zeugnis ablegen, Seufzen, Zungenreden und ekstatische Bußkrämpfe.
Die Wirkung dieser Suggestion äußert sich bei ihren unglücklichen Opfern in mannigfaltiger Weise. Am deutlichsten tritt der Fanatismus in Erscheinung, der als Glaubensmut und Bekenntnistreue ausgegeben wird und die Irregeleiteten fortan irgendwelchen vernünftigen Erwägungen oder irgendwelcher Aufklärung und wahrhaft biblischer Belehrung unzugänglich macht. Hat man diese Fanatiker einmal in die Enge getrieben und nachgewiesen, dass die Lehren, auf die sie so entscheidend Wert legen, falsch vom Ansatz her, irrig, schriftwidrig und damit ungöttlich seien, dann geben die meisten von ihnen den Versuch auf, mit der Heiligen Schrift ihre Sektiererei weiter zu verteidigen und berufen sich entweder auf das Fortwirken des Heiligen Geistes in der Spitze ihrer Hierarchie oder auf ihren Propheten direkt zuteil gewordene besondere göttliche Offenbarungen. In dieser neuen Position dünken sie sich dann stark und unüberwindlich und verlangen noch obendrein, dass man ihre Lehre, die sie "sich nach eigenen Lüsten aufgeladen haben und nach denen ihnen die Ohren jucken" (2. Tim. 4:3), als Werkzeuge und Sprachröhren Gottes ansehe. Das zieht zwar nur bei Unwissenden - aber Unwissende bilden ja nun einmal den großen Heerhaufen derer, "die die Ohren von der Wahrheit wenden und sich zu den Fabeln kehren" (2. Tim. 4:4). Wahre Christen begreifen sofort, dass auch dieses Gehabe seine Wurzel in dem einen Grundirrtum, in der falschen Auffassung des Neuen Testamentes, hat. Wer die Evangelien und die Apostelbücher kennt und versteht, der weiß schon aus dem Eingang des 2. Petrusbriefes, dass Gott Gnade, Friede und seine Kraft, Erkenntnis Christi und alles, was zum Leben und göttlichen Wandel dient, uns geschenkt hat in seinem Sohn, sodass wir keiner anderen Offenbarung mehr bedürfen, um gerettet zu werden, und dass es nach dem, der Alpha und Omega, Anfang und Ende unseres Glaubensalphabetes ist, keine weitere und überragendere Offenbarung Gottes für seine Menschenkinder geben kann und geben wird. Daher teilt auch der Heilige Geist den Seinen nicht mehr mit, als sie schon in Christo, seinen Worten und Taten, haben. Er lehrt uns nur den Heiland zu verstehen und verklärt ihn in uns, wie Christus es selber voraussagte. Mehr kann uns auch der Heilige Geist nicht sagen als das, was in der Schrift des Neuen Bundes steht, und darum wirkt er hinfort auf uns auch nur durch diese Schrift: Gottes Wort.
Irrlehren, Sektiererzirkel verbreiten sich nur da, wo dem göttlichen Licht des Evangeliums die armselige Vernunftfunzel des unerlösten Menschen oder die düster glostende Fackel des Fanatismus des unwissenden Menschen vorgezogen wird. Wo das Salz der Christenheit dumm geworden ist, weil es verwässert wurde mit der seichten Lauge des Aufklärichts, - wo das Licht der Christenheit nicht mehr sichtbar ist, weil man ihm den Scheffel winkelhockenden Pharisäertums übergestülpt hat, - da gedeiht die Saat des altbösen Feindes im Ackerfeld des Himmelreichs.
Als die Verfolgung der staatlichen und großkirchlichen Gewalten nicht nur die Arianer des Ostreichs und die Donatisten und Novatianer des Westens gewaltsam ausrottete, erlagen auch viele Gemeinden, die an der Lehre vom Bergland Galiläas und an den Ordnungen der Apostelzeit fest gehalten hatten, dem Fanatismus und Diensteifer der Verfolger. Mit Vorliebe suchte man diese unbequemen "Altgläubigen" mit den damals gängigsten scheinchristlichen Häresien in einen Topf zu werfen, - man verbrannte in Syrien echte Jünger Christi gemeinsam mit dualistischen Markioniten oder Manichäern, man rottete in Armenien und im angrenzenden Nordost-Kleinasien ihre Gemeinden als dem Sonnenkult der Arevurds verfallen aus, - man spürte sie auf der galatischen Hochebene gleichzeitig mit antinomistischen Messalianern auf und steinigte oder verbrannte sie mit diesen zusammen. Und doch konnte keine Macht der Hölle den Weg der Gemeinde des lebendigen Gottes hindern! Familienweise, gruppenweise besiedeln vor den Henkern sich verbergende Christen die unzugänglichen Oasen Nordwest-Arabiens, verbergen sich in den fast wasserlosen Wadis der Sinaihalbinsel, fliehen in die chaotischen, von den meletianischen und arianischen Streitigkeiten erhitzten Städte des Nildeltas, tauchen im Hinterland der Cyrenaika, auf der Insel Djerba vor der tunesischen Küste, im Hohen und Niederen Atlas auf. Um die Mitte des 4. Jahrhunderts finden wir die Spuren neutestamentlicher Mission schon im Nordteil der Pyrenäen-Halbinsel. Der einflussreiche Großkaufmann Priscillianus befolgt den Rat; den Jesus dem reichen Jüngling gab. Er verkauft seine Güter, verteilt den Erlös unter den Armen und predigt mit solchem Erfolg die Frohe Botschaft unserer Errettung vom Tode und von der Gewalt des Teufels, dass ihn die katholische Diözese Avila auffordert, ihr als Bischof zu dienen. Zwei Bischöfe der Großkirche werden seine eifrigen Anhänger. 380 wird er mit seinen Getreuen gebannt. Die Staatsgewalt bemächtigt sich seiner, er wird in Ketten nach Trier gebracht und dort nach schrecklichen Folterungen, deren Zweck es war, ihm das Geständnis zu entreißen, er sei ein Magier und Manichäer, mit fünf seiner Anhänger enthauptet. Spuren von ihm gegründeter und beeinflusster Gemeinden trifft man noch nach Jahrhunderten im nördlichen Portugal, im westlichen Frankreich, in Galicia und Traz-oz-Montez.
Aus den keltischen Gebieten Galicias und Galliens müssen zuerst neutestamentliche Sendboten auf die britischen Inseln gekommen sein, denn schon im Jahre 422 schreibt der dorthin zur Kirchenvisitation entsandte katholische Bischof Germanus, dass in Britannien zahlreiche Christen die Lehre des Augustin von der Erbsünde verwürfen, nur die Untertauchtaufe an Erwachsenen vollzögen, dem römischen Ritus beim Gottesdienst nicht folgten und die Hierarchie Roms nicht anerkennten, vor allen Dingen nicht die geistliche Gerichtsbarkeit des Papstes. Es wird aber nicht behauptet, diese britischen Christen seien Manichäer, - das wäre selbst in Rom nicht geglaubt worden; man beschuldigt die schismatischen Gemeinden vielmehr des Arianismus. Die Eroberung Britanniens durch die heidnischen Germanen und deren spätere so genannte Christianisierung durch römische Bischöfe und in Rom ausgebildete Äbte, führen zum raschen Verschwinden dieser Gemeinden. In dem kühnen Missionsgeist der Iro-Schottischen Kirche, in deren Streben nach Reinhaltung der Lehre Jesu von fremden Gedankengängen, in ihrem Widerspruch gegen die angemaßte Autorität des römischen Episkopats und in ihren immer aufs Neue unternommenen Versuchen, der Verweltlichung der Kirche Einhalt zu gebieten, ist sicher noch ein Erbteil jener Gemeinden der Heiligen zu erblicken, nach denen einst Irland sich nannte, und die Deutschland einen Kilian, Clemens. und Virgilius schenkten. An der Wirkungsstätte jenes auf Befehl eines Frankenherzogs ermordeten Kilian, im Schottenkloster zu Würzburg, ist noch heute ein Pergament aus der Mitte des 8. Jahrhunderts erhalten, eine griechische Abschrift des Römerbriefes. Bei Röm. 3 steht die irische Randglosse: "Creitem hi cridiu in folgni in duine fírian" (Der Glaube, im Herzen verborgen, macht den Menschen gerecht), eindeutiges Bekenntnis zu echtem neutestamentlichem Christentum gegen den Institutionalismus der Papstkirche. Um 700 beginnt in Irland selbst die allmähliche Angleichung der romfreien Nationalkirche an den abendländischen Großkirchentyp. Um 800 brechen die schottischen Könige die Macht der Clans und beseitigen mit der alten Sippenverfassung die letzten Reste der iro-schottischen Missionsgemeinden, aber noch 1390 baut eine neutestamentliche Gemeinde im keltischen Hill Cliff in Wales einen Gottesdienstraum mit einem großen Becken zur Untertauchung Erwachsener bei der Glaubenstaufe.
Erste Kunde vom Weiterbestehen neutestamentlicher Gemeinden in Syrien erhalten wir aus Mananalis, wo die fromme Witwe Kallinike 375 öffentlich gegen den staatskirchlichen Terror der Mehrheit und die arianische Häresie der Minderheit unter Berufung auf Lehre und Wirken des Apostels Paulus in diesen Gegenden Protest erhebt. Mit ihren beiden Söhnen Paulos und Johannes wird sie als "Manichäerin" aus der Gegend verbannt, der billigste Vorwand, da auch die Anhänger der gnostisch-parsisch-buddhistischen Mischreligion des Mani gegen gewaltsame "Bekehrungen", gegen den Gebrauch des Schwertes, gegen die Anwendung des Eides, gegen den Mammonismus in Staat und Kirche Front machten und das Gesetz des Alten Testamentes durch Christus außer Kraft gesetzt erklärten. Die Brandmarkung als Manichäer war gefährlich, da diese Religion als besonders staats- und kulturgefährdend galt und ihre Anhänger dem Tod auf dem Scheiterhaufen verfielen. Trotzdem breitete sich gerade von Mananalis 250 Jahre später eine neue Welle neutestamentlicher Gemeindebildung in Vorderasien aus. Ein markionitischer Sektierer, Konstantin, wird durch das Studium aller vier Evangelien und der Paulusbriefe bekehrt und schließt sich der kleinen Katakombengemeinde der wahren Christen an. Verfolgung treibt auch ihn und seine Glaubensgenossen um die Mitte des 7. Jahrhundert nach Kibossa in Nordarmenien, wo er von der dortigen, unter etwas freieren Verhältnissen existierenden Gemeinde Christi herzlich aufgenommen wird. Nun führt er wandernd und predigend das Leben eines treuen Nachfolgers des Herrn, mit allen Gemeinden in der Zerstreuung persönlich oder brieflich Fühlung aufnehmend. In seinen Briefen bedient er sich dabei der Decknamen für Personen und Orte, um den Häschern die Arbeit zu erschweren, so spricht er z. B. von sich als von "Silvanus", von Kibossa als von "Makedonien". Aber er entrinnt seinem Schicksal nicht. Von den Soldaten des byzantinischen Gouverneurs Simeon ergriffen, wird er zum Tode verurteilt und gesteinigt, "als Ehebrecher, auf der Tat ergriffen, da er die Kirche, Christi reine Braut, mit der markionitischen Teufelsbuhlin betrogen habe". Sein standhaftes Sterben aber beeindruckt den Gouverneur so sehr, dass er unwillkürlich Parallelen zu dem Steinigungstod des Erzmärtyrers Stephanus zieht, sich intensiv mit den Lehren der Gemeinde, d. h. mit dem Neuen Testament, zu beschäftigen beginnt und schon wenige Jahre später unter dem Decknamen "Titus" einer ihrer erfolgreichsten Sendboten in Galatien und Kappadokien wird. Im Jahre 694 wird er ebenfalls aufgestöbert und zum Scheiterhaufen geführt. Sein und seines Vorgängers Werk aber geht nicht unter. Die Epoche der Bilderstürmer-Kaiser gönnt den kleinasiatischen Gemeinden eine kleine Erholungspause vor dem großen Sturm der Verfolgung, der sich hundert Jahre nach dem Märtyrertode des Simeon-Titus über sie entladen sollte. In dieser "goldenen Zeit" verhältnismäßigen äußeren Friedens wuchs die Zahl derer, die sich von der verdorbenen Lehre der Großsekten abwandten und von Gott seiner Gemeinde hinzugetan wurden. Das Volk und die Behörden nannten die Nachfolger des Lammes "Paulikianer", weil sie ihren Gegnern mit den Argumenten des großen Völkerapostels treffend bei allen Diskussionen zu antworten wussten, - sie selbst nannten sich ausschließlich "Christen" und untereinander "Brüder" und "Schwestern". Über ein Religionsgespräch mit ihnen aus dieser Zeit berichtet ein byzantinischer Mönch: "Nur das Neue Testament gilt ihnen als Regel für Glaube und Kirchenpraxis; sie verwerfen die Anrufung der Gottesmutter und der Heiligen, selbst der großen Märtyrer Georg und Sergius; sie weihen weder den Erzengeln noch dem Elias eine besondere Verehrung, haben überhaupt keine Kirchenfeste; an jedem Sonntag versammeln sie sich in Gebetsstätten, die unwürdig zu nennen sind, da, sie weder einen Altar, noch eine Bilderwand, noch eine Aufbewahrungsstätte für die Heiligen Geräte enthalten; sie gebrauchen weder Weihrauch noch heiliges Chrisamöl. Sie verachten die Taufe der Kirche und sagen, dass Säuglinge keinen Glauben hätten. Sie erkennen weder die Jurisdiktion des Patriarchen zu Konstantinopel noch dessen zu Antiochia und Jerusalem an, halten aber auch nichts von der schismatischen Kirche der Armenier. Sie sind stolz darauf, dass ihre Gemeinden klein und arm sind und auch ihre Evangelisten nur von dem leben, was ihnen der sie beherbergende Gläubige freiwillig gibt. Sie wollen nicht wissen, dass ein Häretiker Paulus ihre Sekte gegründet haben soll, und sagen, sie seien keine Paulikianer, sondern Christen und Erwählte Gottes. Um den Beginn des 9. Jahrhunderts entbrennt das Feuer einer Verfolgung, die sich von Jahr zu Jahr steigert. 813 werden durch Massenhinrichtungen die Christen in Kappadokien so gut wie ausgerottet, die in Armenien furchtbar dezimiert. Als beim Versuch der Festnahme einer Schar fliehender Gläubigen in den Pässen des Taurus zwei kaiserliche Kommissare in der Panik in den Abgrund gestoßen werden und umkommen, fliehen ganze Gemeinden geschlossen auf das Gebiet mohammedanischer Lehnsfürsten in Aserbeidschan und Kurdistan, sodass zu ihrer Unterbringung vom Emir bei Argaum die Stadt Tephrika Sicht an der byzantinischen Grenze erbaut werden muss. Die Mauern und Zinnen dieser Stadt, von den byzantinischen Ketzerverfolgern selbst "Christianopolis" (Christenstadt) genannt, werden die Schutzburg aller Verfolgten, welcher Richtung sie auch angehören mögen. Denn außer den Christen fliehen auch Anhänger von Irrlehren: Manichäer, Jakobiten, Nestorianer, Messalianer, Bardaisaniten in die Grenzfeste; furchtbar wütet ja die Verfolgung der Kaiser und Bischöfe des Ostreiches gegen alle der Staatskirche nicht Unterworfenen, die man als Bundesgenossen des an die Tore des Reiches pochenden Islam betrachtet. Nach Schätzungen armenischer und byzantinischer Chronisten sind allein bis zum Jahre 843 etwa 100 000 Ketzer in Kleinasien und Nordsyrien hingerichtet worden oder auf der Flucht umgekommen.
Das enge Nebeneinanderleben von Christen und Wirrgläubigen aller Schattierungen im Emirat Malatia führte notwendigerweise auch zu Abfall, Spaltung und Erweichung des überlieferten Apostelglaubens. Antinomistische Richtungen, d. h. Richtungen, die erklärten, mit dem Aufheben des mosaischen Gesetzes sei das Ende jedes Gesetzes gekommen, daher könne auch kein wahrer Christ mehr sündigen, - gewannen selbst unter den Ältesten der Gemeinden Anhänger; so musste sich die galatische Restgemeinde aus diesen Gründen von ihrem letzten überlebenden Ältesten Baanes trennen. Am härtesten aber prallten die Meinungen zusammen über die Frage des Waffengebrauches. Bis daher war es für alle neutestamentlichen Christen selbstverständlich gewesen, dass man gegen böse Menschen auch zur Selbstverteidigung nicht gewalttätig werden dürfe, - denn das ist doch offenbar die Bedeutung der Stelle Matth. 5:38-39. Nun aber erhoben sich unter dem Eindruck der grauenvollen Ausrottung ganzer Familien vom Säugling bis zum Greis in den benachbarten kaiserlichen Provinzen auch in den Reihen der Gemeindeglieder Stimmen, die zur Rettung dieser Unglücklichen mit dem Schwert in der Hand "Befreiungszüge" in das byzantinische Reich zu unternehmen vorschlugen. Im Einverständnis mit der mohammedanischen Schutzmacht stellten sie ein "Christenheer" auf, dessen Befehlshaber einer der beliebtesten Ältesten, Karbeas, war. Die Gemeinde der Gewaltlosen musste den schwerttragenden Brüdern erklären, dass sie damit sich außerhalb des Gottesvolkes gestellt hätten, denn "der Heilige Geist, der ja nur von dem nimmt und uns zuteilt, was Christus in seinem Vermächtnis uns offenbart hat, wird uns niemals dazu auffordern, für irgend ein geistliches Ziel mit anderen als mit geistlichen Waffen zu kämpfen; und Christus verbietet uns zu kriegen nicht nur für die Reiche dieser Welt, sondern auch für sein eigenes Gottesreich". Es ist, wie immer, wenn die Entscheidungen des Neuen Testamentes dem sogenannten gesunden Menschenverstand zu widersprechen scheinen, nur die Minderheit, die diesen konsequenten Standpunkt des Nichtwiderstehens dem Übel vertritt. Die große Mehrheit bejauchzt den Auszug der schwerttragenden Christen, bejauchzt die Nachricht von der Errettung einer Anzahl galatischer und phrygischer Gemeinden vor der völligen Vernichtung, jubelt, als der Schwiegersohn des Karbeas das alte Ephesus am Ägäischen Meer mit seinen kurdischen Reitern erreicht und ist zu Tode betrübt, als die Nachricht eintrifft, dass das siegreiche Heer beim Rückmarsch mit mehreren Hundert Flüchtlingen in den Pässen des Taurus in einen Hinterhalt gerät und im Jahre 871 bis auf den letzten Mann vernichtet wird. Die das Schwert ergriffen hatten - wenn auch für die beste und edelste Sache der Welt -, waren durch das Schwert umgekommen. Die Gemeinde im Gebiet von Malatia tat Buße, und viele der Schwertanhänger versöhnten sich wieder mit Gott. Das gefiel aber dem kurdischen Emir, der diese Christen als wichtigen Stein auf seinem politischen Schachbrett hatte benutzen wollen, gar nicht. Nun begannen die Schikanen durch die Moslem. Die Steuer, die alle unterworfenen Nichtmohammedaner zahlen müssen, wird für die Gemeinden des Herrn verdreifacht, Herden werden gepfändet, Grundstücke enteignet, Bergweiden ihnen weggenommen. Nichts ist mehr zu merken von der anfänglichen Duldsamkeit der Moslem. Die Verfolgung kündigt sich an. Bald fallen die ersten Blutzeugen unter den Schwertern der Seldschukken. Wie eine Himmelsbotschaft vernehmen in diesem Augenblick die Ausgewanderten, dass der Kaiser die Rückkehr aller Christen (Paulikianer und Thondrakier nennt er sie) nach Kleinasien gestatte, sofern sie feierlich auf jede Gewaltanwendung Verzicht leisten würden. Eine solche Erklärung kann abgegeben werden, und wenige Monate später ziehen über 80 000 Christen nach Phrygien, Galatien und Lykaonien zurück. Nur die besonders Vorsichtigen bleiben in einigen Bergschlupfwinkeln des nördlichen Armenien in der Gegend von Thondrak, wo sie sich bis heute als kleine Gruppe von 28 Familien erhalten haben. Ihr Gefühl hatte sie nicht betrogen: siebzig Jahre nach der Rückkehr aus dem islamischen Machtbereich lässt der byzantinische Kaiser alle Ketzergemeinden seines asiatischen Reichsteiles nach Thrakien deportieren und dort bei Philippopel ansiedeln, dicht an der Militärgrenze gegen die noch heidnischen Bulgaren. Sie sollten gewissermaßen als Puffer zwischen den kriegerischen Barbarenvölkern des Balkan und der Kaiserstadt am Bosporus dienen. Jede Werbung für ihren "Irrglauben" war ihnen jedoch streng untersagt worden. Trotzdem machte das Leben und der schlichte Kult der Umsiedler auf die Bewohner ihrer neuen Heimat den tiefsten Eindruck. Schon vor der Jahrtausendwende lässt sich der ostkirchliche Priester Jeremias taufen; unter dem Decknamen Theophilos (slawisch: Bogomil, d.h. Gottesfreund) entfaltet er eine eifrige Wirksamkeit unter seinen Landsleuten und sogar unter den mystischen Mönchskreisen in den Einsiedeleien des Athosberges. Der Name "Bogomile" tritt nun in der Kirchenhistorie der Großsekten an Stelle des Namens "Paulikianer", deckt aber sehr verschiedene Strömungen. Altslawischer Götterglaube und finnisch-ugrischer Schamanismus der bulgarischen Herrenschicht verschmelzen in manchen Teilen des östlichen Balkan mit gnostisch-manichäischen Vorstellungen, die unchristliche Ketzergruppen, mit unseren Gemeinden gleichzeitig nach Bulgarien deportiert, mit sich gebracht hatten. In zahlreichen Diskussionen suchen sich die Geschwister gegen den Vorwurf zu wehren, sie hätten etwas mit diesen dualistischen Asketengruppen zu tun; es hilft nichts: die Hunderte von ernsten Jüngern Christi, die wegen Verkündigung der Lehre des Herrn, so wie sie von ihm auf den Bergen Galiläas gepredigt worden war, die Scheiterhaufen sowohl in Konstantinopel, der Residenz des Kaisers, als auch in Tirnowo, der Residenz des Bulgaren Großchans, besteigen müssen, werden als "Anhänger des Zweigötterglaubens" verbrannt. Trotzdem breitet sich die Botschaft von der Freiheit in Christo rasch immer weiter aus. 1071 entsteht schon in Kiew in der Ukraine eine erste Gemeinde von Evangeliums - Christen, die schweren Verfolgungen der Jahrzehnte von 1150 bis 1180 in Bulgarien und Serbien treiben die unermüdlichen Sendboten des Heilands weiter nach Norden und Westen. 1115 tauchen sie in Albanien, Bosnien, der Herzegowina und Dalmatien auf, wenige Jahre später bilden sich die ersten Gemeinden Christi in Nordost-Italien. Den äußerlich größten Erfolg haben sie in Bosnien zu verzeichnen, wo um die Wende des 13. Jahrhunderts nach Schätzungen der katholischen Inquisitoren 70% der Bevölkerung sich zum "Bogomilismus" bekennen, der katholische Bischof Daniel in Poili 1198 sich in der Bosna taufen lässt und die prunkvollen Kirchen der morgen- und abendländischen Großsekten leer stehen. Hier an der Grenze des byzantinischen und römischen Kulturkreises rückt nun auch eine neue, zuerst nur vom Volk, dann, aber sehr ungern, auch von den Inquisitionsbehörden gebrauchte Bezeichnung der Altevangelischen in den Vordergrund, der Name "Katharoi", d.h. Reine. Er geht über das italienische "gazzari" in das Deutsche als Lehnwort "Ketzer" über. Viel lieber bezeichnet die rom-katholische Gegenpropaganda aber die Gemeinden Gottes mit dem Namen "Pataria", d.h. Lumpenvolk. Alle erdenklichen Irrlehren und Gräuel werden ihnen zugeschrieben, und wenn auch die auf der Folter erfolgten Aussagen einiger Gläubiger als Inhalt dieser Ketzerei nur die Nichtanerkennung des Klerus und der von ihm unter magischen Formeln gereichten Sakramente, die Bevorzugung des Neuen Testamentes vor dem Alten, aus dem man eigentlich nur die Psalmen und die prophetischen Bücher zitiert, die Verwerfung aller von den Konzilien formulierten Glaubensbekenntnisse und die Berufung auf das Wort des Herrn allein ergeben, so predigen die Bettelorden umso nachdrücklicher von den "unaussprechlichen Missetaten", die bei den Geheimversammlungen dieser Häretiker gang und gäbe seien. Jahrhunderte hindurch geisterten die aus den Fingern gesogenen Behauptungen der katholischen Missionsprediger nicht nur durch die römische Kirchengeschichte, - auch protestantische Nachschlagewerke übernahmen in vielen Fällen unbesehen die Produkte einer entfesselten Fanatikerfantasie. Erst im Jahre 1947 musste der "Dictionnaire de theologie catholique" in seinem 9. Bande gestehen: "Die Anschuldigungen gegen die Katharer des 11. Jahrhunderts sind genau dieselben, die im 2. Jahrhundert im ganzen Römerreich gegen die Christen erhoben wurden: Unsittlichkeit, Ritualmord, Anbetung einer grotesken Götzengestalt." Mehrere Kreuzzüge werden von beutelüsternen kroatischen, ungarischen und venetianischen Magnaten gegen das unglückliche Bosnien geführt. Sie scheitern am tapferen Widerstand gerade der nicht sich zu den Gemeinden Christi haltenden Ritter und Großgrundbesitzer des Landes, das unter Ban Twertko 1373 vom päpstlichen Legaten "die Banditenhöhle, in die sich alle Ketzer des Morgen- und Abendlandes flüchten", genannt wird. Erst dem Zusammenwirken der türkischen und der katholischen Heere im Jahre 1446 erliegt Bosnien. Aber 40 000 Christen verlassen das in die Hände der Un- und Abergläubigen gefallene Heimatland und wandern in die schwer zugänglichen Berge der Herzegowina aus, wo die letzten kleinen Gemeinden Christi erst im Laufe des Jahres 1942 von Ustascha-Banden vernichtet wurden. Letzte Nachricht von den alten Gemeinden um Thessalonich gelangt um das Jahr 1550 nach Zentraleuropa, als Sendboten der dortigen Christen nach Mähren kommen, um sich selbst von der Wahrheit der zu ihnen gedrungenen Gerüchte zu überzeugen, dass in diesem Lande die Bekenner der neutestamentlichen Wahrheit in Frieden und Wohlstand leben dürften. Die Gemeinde in Saloniki ist kurz darauf einem Gemetzel zum Opfer gefallen, das aus den Türkenkriegen zurückkehrende mohammedanische Freischärler unter den "Ungläubigen" des alten Thessalonike anrichteten. Nur im Witoschmassiv bei Sofia lebten noch 1939 einige Familien "bogomilischen" Glaubens, geliebt von allen Armen und Unglücklichen ob ihrer selbstlosen Hilfsbereitschäft, bespitzelt und verfolgt von Obrigkeit und Kirche ob ihres kompromisslosen Bekenntnisses zu den Sätzen der Bergpredigt.
Die seit etwa 1150 in Venetien und der Lombardei arbeitenden christlichen Wanderprediger kamen meistens aus Makedonien (Saloniki), Albanien (Koritza) und Dalmatien (Dragavitza), aber schon 70 Jahre später gibt es in Brescia und Viterbo Gemeinden von mehreren Hundert, in Mailand, Ferrara und Florenz von mehreren Tausend Mitgliedern. Von ihren Ältesten muss selbst der "Catholic Dictionary" von Addis und Arnold gestehen: "Diese Lehrer trugen eine große Einfachheit der Sitten, der Kleidung und der Lebensart zur Schau. Sie richteten ihre Angriffe gegen die Weltlichkeit des Klerus, und es war nur allzu viel Wahres in ihrem Tadel; so wurden ihre Hörer auch willig, alles andere zu glauben, was sie sagten, und das zu verachten, was sie verachteten." Der reformierte Kirchenhistoriker Walter Nigg erklärt: "Es ist unmöglich, von religiösem Interesse ausschließlicher erfüllt zu sein als die Katharer es waren... Die Katharer haben das Gute in seiner ganzen strahlenden Fülle gesehen. Großartiger und hinreißender kann vom guten Gott nicht geredet worden sein, als sie es getan haben... Diese Menschen empfingen den Kuss Gottes, wie der Tod schon genannt wurde, in höchstem Jubel, indem sie voll seliger Todestrunkenheit dem Überzeitlichen entgegenschritten." Trotz oder gerade durch die ungeheuerlichen Grausamkeiten, mit denen Kirche und Staat dem Weiterverbreiten der Heilswahrheit entgegentreten wollten, verbreitete sich die Botschaft von dem Erlöstsein aus lauter Gnade rasch über die Alpen. Dort stießen sie auf die kleinen Restgemeinden, die einst durch die Tätigkeit der Schüler Priszillians und iro-schottische Sendboten ins Leben gerufen und durch schwere Verfolgungen fast ausgerottet worden waren. 1052 lässt Kaiser Heinrich III. in Goslar "manichäische Häretiker" hinrichten, deren Verbrechen darin bestand, vor Mönchen gepredigt zu haben, alles, was zur Welt des babylonischen Tieres gehöre, müsse gemieden werden. Das allein sei das echte Fasten, das Christus von uns fordere. 1118 wird Gregonus Grimm in Ensisheim im Elsaß als "Patarener" gefoltert und vom Leben zum Tode gebracht, weil er von seinem Großvater getauft worden war, der wiederum vor 50 Jahren im Flüsschen Fecht von einem wandernden Kaufmann aus Venetien der Gemeinde Christi, die nach seinen Worten die einzige Kirche der Heiligen sei, zur Vergebung der Sünden untergetaucht worden war im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. 1143 werden am Niederrhein von Beauftragten des Bischofs von Köln ein Ältester und über 100 Altgläubige festgenommen, die auf der Folter bekennen, dass ihre Gemeinden überall verborgen vorhanden seien; ihr Schwerpunkt sei zurzeit in Graecia, womit ohne Zweifel das Byzantinische Reich gemeint ist. Von der Ketzerhochburg Montwimer bei Châlons-surMarne, die schon 150 Jahre zuvor den Evangelisten Gundulf aus der Lombardei beherbergt hatte, der damals als Prediger der apostolischen Armut und Bekämpfer der Kindertaufe das wallonische und pikardische Gebiet Nordfrankreichs und Belgiens durchzog und in Lüttich sowohl als auch in Arras bedeutende Gemeinden ins Leben gerufen hatte, ging die Gründung der Brüderschaft in Reims um das Jahr 1200 aus. Hier nannte man die neutestamentlichen Gläubigen Publicani, wohl nicht, um sie als Zöllner und öffentliche Sünder zu brandmarken, sondern in Verstümmelung ihrer makedonischen Bezeichnung "Paulikanoi", die französische Kreuzzugsteilnehmer mitgebracht hatten. In der Provence und im sonstigen Südfrankreich ist es besonders der Schüler des scharfsinnigen und daher der Ketzerei verdächtigen bretonischen Denkers Abelard, Pierre de Bruys, der überall den Heroldsruf Christi erschallen lässt, bis er 1137 auf dem Scheiterhaufen stirbt. Ebenfalls von der vereinten staatlich-kirchlichen Justiz liquidiert werden seine Freunde Heinrich, ein ehemaliger Zisterziensermönch aus Lausanne, und der Alteste Pontius aus Porigord. Für die zum Verstummen gebrachten Zeugen treten Wanderbrüder vom Balkan auf den Plan, sodass in weiten Teilen Frankreichs "Bulgare" gleich bedeutend mit Ketzer wurde und die Verstümmelung des Wortes, bougre, noch heute dort als eines der gemeinsten Schimpfwörter gebraucht wird. Im Jahre 1162 ist Flandern schon mit einem derartig dichten Netz von neutestamentlichen Kirchlein überzogen, dass die Gläubigen es wagen können, die Herren der Gegend, die Grafen von Flandern, die Herzöge von Artois und den Erzbischof von Cambrai, um Duldung ihrer öffentlichen Predigten zu bitten.
Die kühne Verkündigung der frohen Botschaft des Neuen Bundes hatte nicht nur die rasche Bildung von Gemeinden, sondern - wie stets in solchen Fällen - auch das Auftreten von Schwarmgeistern und Büßern aller Art zur Folge. Ein wahrer Rattenkönig von Irrlehren kommt nun zu Tage, - nicht die Folge der Verbreitung der Bibelkenntnis durch die Wanderprediger, wie die katholischen Historiker polemisieren, sondern die Folge jener haarsträubenden Unkenntnis über die wirklichen Heilstatsachen, in der eine gewissenlose Priesterclique die ihnen anvertrauten Seelen erhalten hatte. Die Verfolgung, die mit voller Wucht einsetzte, warf natürlich alle die grundverschiedenen und sich scharf gegeneinander abgrenzenden oppositionellen Richtungen in einen Topf; halb irre manichäische Asketen, die die Krönung ihres Lebens im Todfasten sahen, und die Freuden dieser Welt, oder was sie dafür hielten, in vollen Zügen genießende ausschweifende Freigeister, Hysteriker und Psychopathen, die sich für Menschwerdungen Christi oder Marias ausgaben und ihre wirren Halluzinationen für das zu ihnen sprechende innere Wort Gottes hielten, und streng biblizistische, dem Geist des Neuen Testamentes nachlebende Altgläubige wurden mit den Sammelnamen "Albigenser" (nach einem der Mittelpunkte der religiösen Gärung in Südfrankreich, Albi, genannt) bezeichnet und zum Ziel aller Ausrottungsmaßnahmen gemacht. Es nützte nichts, dass Fürsten und Edle dieser Gegenden es zuerst strikt ablehnten, die wahren Nachfolger des Herrn zu verfolgen, sahen sie doch in diesen einfachen, nüchternen, arbeitsamen Menschen, die ihren Verpflichtungen stets getreu nachkamen, die überall ob ihrer unbedingten Wahrheitsliebe geachtet waren und die in manchen Gewerben, so z. B. in den Zünften der Steinmetzen und Weber, führend waren, einen besonderen Schatz ihres Landes, den es zu hüten galt. Vor allem war es der junge Vicomte Roger Ramon Trencavel aus westgotischein Uradel und der tatkräftige Capitoul (Oberbürgermeister) von Toulouse, Peire Mauran, die sich der Sache der von der Inquisition Bedrohten annahmen. Trotz ihrer energischen Vorstellungen brach im Jahre 1208 das Unwetter los, als ein päpstlicher Legat, der den mächtigen Grafen von Toulouse, einen freigeistigen und keineswegs besonders religiösen Menschen, in öffentlichen Predigten schwer beleidigt hatte, dafür von einem Gefolgsmann des Grafen erschlagen worden war. Ein Kreuzheer unter dem schon lange nach dem Besitz der reichen, gewerbefleißigen Languedoc lüsternen Königs von Frankreich marschierte in die Ketzergebiete ein, erstürmte unter furchtbarem Gemetzel unter Katholiken, Schwärmern und Christen eine Stadt nach der anderen und machte in den über 30 Jahre lang wütenden Rachezügen aus dem Land eine fast menschenleere Wüste. Die französischen Geschichtsschreiber schätzen die Zahl der durch direkte Kriegseinwirkung Umgekommenen in der Languedoc für die Jahre 1208 bis 1244 auf rund 1,5 Millionen, dazu kommen noch die Zahlen der dem Kreuzzug folgenden Epidemien und Hungersnöte und die der Opfer der Inquisitionsgerichte.
Das Konzil der katholischen Bischöfe in Toulouse vom Jahre 1229 erließ zur Verfolgung der Ketzer Bestimmungen, deren wichtigste folgende sind: Jeder weltliche oder geistliche Vorgesetzte, der einen Ketzer verschont, soll des Landes, Amtes oder Besitzes verloren gehen; jedes Haus, in dem ein Ketzer gefunden wird, soll niedergerissen werden; zu Ketzern und der Ketzerei Verdächtigen soll auch bei schwerster Erkrankung kein Arzt zugelassen werden; Mitschuldige, auch Verbrecher, werden als gültige Zeugen gegen Ketzer zugelassen; Geständnisse können durch Foltern erzwungen werden, schon der Verdacht der Ketzerei berechtigt zur Verhaftung; die Strafen für Ketzerei stufen sich von Verlust der Bürger- und Kirchenrechte über Vermögenseinziehung und Einkerkerung bis zur Hinrichtung, die auch wieder je nach der Schwere des Falles von einfacher Enthauptung oder Ertränkung zum langsamen Erdrosseln durch die Garotte und schließlich zum schriellen, durch Pulversätze herbeigeführten, oder zum langsamen Tod auf dem Scheiterhaufen abgestuft war. Das beschlagnahmte Vermögen der Ketzer fiel zu zwei Drittel den Inquisitionsbehörden, zu einem Drittel dem Denunzianten zu. Damit es aber nicht den Anschein habe, als dürste die immer noch sich christlich nennende Staatskirche nach Blut, wurden die weltlichen Herrscher verpflichtet, der geistlichen Untersuchungsbehörde ihren Arm zu leihen und die Henkersdienste an den Verurteilten zu verrichten. Mit Recht sagt der französische Geschichtsschreiber Charles Älolinier in seiner Veröffentlichung eines Berichts über die "katharischen" Ketzer des 13. Jahrhunderts aus katholischen Quellen: "Man kann unter keinen Umständen der Stimme von Richtern Glauben schenken, die allzu oft auch die Henker waren."
Überreste der altevangelischen Gemeinden Südfrankreichs erhielten sich in den durch den reichen Kaufmann Pierre Valdes aus Lyon gestifteten "Lyoner Armen", die nach ihrem Stifter "Waldenser" genannt wurden und neutestamentliches Christentum mit katholischen Mönchsidealen eigenartig verbanden. Ihr Missionseifer führte sie bald in Gegenden außerhalb Frankreichs, in denen sie noch intakte kleine Gemeinden Christi antrafen: in das Berner Oberland, in den Jura und die Vogesen, zu den Brüdern am Niederrhein und in Friesland, ja bis nach Brandenburg und Böhmen. Dass die Erinnerung an die alten Gemeinden vorwaldensischer Art noch sehr lebhaft war, zeigt der Bericht über den Flammentod der Frau Lucardis in Trier im Jahre 1229, die auf dem Scheiterhaufen Gott dafür dankt, dass sie dort leiden kann, wo schon vor vielen hundert Jahren ein treuer Bekenner der Glorie Christi sein Leben für den Heiland gelassen hat. Im Jahre 1400 trifft die vielleicht älteste Gemeinde Deutschlands, Straßburg, in der es nach der Überlieferung der elsässischen Altevangelischen schon zur Zeit Julians des Abtrünnigen neutestamentliche Christen gegeben haben soll, ein vernichtender Schlag: bei einer Razzia werden auf Grund einer Denunziation 32 "Winkler", wie das Volk hier die Altgläubigen wegen ihrer geheimen Zusammenkünfte in alten Winkeln und Kellergewölben nannte, festgenommen, der Folter unterworfen und dabei grausam verstümmelt. Man erpresst von ihnen das Zugeständnis, dass ihre einzige Autorität nicht die Kirche, sondern das Neue Testament sei, das in der Landessprache studiert werden müsse. Sie verwerfen jede Anrufung Mariae und der Heiligen und jede Verehrung von Bildern oder Kruzifixen; sie leugnen die Vollmacht der priesterlichen und bischöflichen Weihen mitsamt der Schlüsselgewalt des Klerus. Von Feiertagen behalten sie nur Karfreitag, Ostern, Pfingsten und die ersten Wochentage bei. Die Taufe der Kinder nennen sie zwecklos, da in den Kleinen noch kein Glaube vorhanden sein könne. Nur das Eingreifen des den Ketzern wohlgesonnenen Johanniterkomturs und des Stadtschreibers Johann v. Blumstein rettet die Festgenommenen vor dem Scheiterhaufen. Sie werden "auf ewige Zeiten" aus der Stadt verbannt und tauchen in die Einsamkeit der Vogesentäler und des Jura unter.
Während Kaiser und Päpste in der Unterdrückung der kleinen Gemeinden Christi wetteiferten (von 1300 bis 1500 erlitten in Mitteleuropa mindestens 2000 Christen einen schauerlichen Tod), offenbarte sich die schon längst schwärende Verderbnis der Staatskirche in ihrer übelsten Form. Selbst den Römern wurde das Treiben der sich dreist "Stellvertreter Gottes" nennenden obersten Kirchenfürsten zu viel. Von 1307 bis 1378 waren die Päpste gezwungen in Avignon in der Provence zu leben, wo sie nur allzu willfährige Werkzeuge der französischen Könige wurden. Und von 1378 an gab es für fast ein halbes Jahrhundert zwei miteinander rivalisierende und sich gegenseitig exkommunizierende Päpste, einen in Frankreich und einen in Italien, von denen jeder behauptete, der allein vom Heiligen Geist durch die Stimmen der Kardinäle gewählte und daher rechtmäßige Nachfolger Petri zu sein und von denen jeder sich bemühte, zur Bestreitung der Kosten des luxuriösen Hofstaates und anderer kostspieliger Neigungen das Menschenmögliche an Geldgaben aus den Gläubigen herauszupressen. John Wydif, einer der tapfersten katholischen Theologen seiner Zeit, der in England mit Unterstützung des Königs den Nachweis führte, dass die weltliche Herrschaft der Kirche schriftwidrig und ihre Transsubstantiationslehre (Verwandlung des Brotes und des Weines beim Herrenmal in wirkliches Fleisch und Blut des Heilands durch das magische Wort des Priesters) okkultistische Zauberdoktrin sei, errechnete, dass der Papst doppelt so viel Geld aus England zog, wie die Abgaben des Volkes an den König betrugen. Die Moral des schlecht bezahlten niederen Klerus und des völlig verweltlichten höheren sank auf den niedrigsten Grad seit dem Großen Abfall unter Konstantin. Nationalstolz der von Rom ausgeplünderten Völker und das immer noch wache religiöse Gewissen einiger Geistesführer und der bisher so gutgläubigen Volksmassen verbanden sich im Groll gemeinsam erduldeter Schmach. Wydif erklärte unerschrocken: "Oberhoheit und Besitzanspruch geistlicher und weltlicher Herren beruht auf ihrem Lebensverhältnis zu Gott, ihrem"obersten Souverän. Wer aber nicht mehr in dessen Gnade steht, der hat sowohl die Vollmacht zu regieren als auch das freie Verfügungsrecht über seinen Besitz verwirkt. Das gilt auch für den Papst, der die Kirche nur als einen erweiterten Sprengel seines römischen Bistums ansieht. Die wahre Kirche ist aber nur der Leib Christi, die Gemeinschaft aller durch Gottes Ratschluss Erwählten." Das Redeverbot des Papstes und die bald darauf folgende Exkommunizierung, konnten wohl dem. kühnen Theologen zum Aufgeben seines Lehrstuhls in Oxford, aber nicht zum Einstellen seiner anti-päpstlichen Propaganda zwingen. Von seiner reichen Landpfarrei Lutterworth aus sandte er seine Freunde und Schüler als Wanderprediger durch das Land. Das Volk nannte die nach apostolischem Vorbild einfach gekleideten und unhesoldeten Evangelisten "Arme Priester", die Bischöfe aber predigten gegen die neue Ketzerei als gegen das Unkraut (lollium), das der böse Feind unter den Weizen der Kirche gesät habe, und nannten die Träger der befreienden Botschaft von der geistlichen Ohnmacht der päpstlichen Hierarchie Lollharden. Es schien, als ob die schon längst erstorbenen neutestamentlichen Gemeinden der britischen Inseln, von deren Existenz letzte Spuren nach dem Jahre 1390 nicht mehr wahrzunehmen gewesen waren, wieder zum Leben erwachten. Die aber unmittelbar nach dem Tode Wyclifs einsetzende Verfolgung, an der auch der durch die Gärung unter den Bauern entsetzte junge König sich eifrigst beteiligte, vernichtete mit blutiger Hand alle jungen Keime der Gottessaat. Ende Dezember 1417 mussten allein in London 45 Lollharden den Scheiterhaufen besteigen; ihr tapferer Beschützer, der greise Edelmann Sir John Oldcastle, entging nicht demselben Schicksal, jedes Jahr von 1418 bis 1488 brachte mindestens einen großen Prozess gegen sie, und noch kurz vor Beginn der Reformation wurden dreißig von ihnen in Amersham gefoltert und verbrannt.
Die Funken der, englischen Scheiterhaufen aber flogen über ganz Mitteleuropa und fielen in Böhmen in die Herzen junger katholischer Theologen, die unter ähnlichen Verhältnissen schon zu ähnlichen Formulierungen wie Wyclif gekommen waren: Jan Hus, Prediger an der Universität zu Prag, und sein Freund Hieronymus. Vor das Konzil zu Konstanz zitiert, das zusammengerufen worden war, um den Streit zwischen drei gleichzeitig regierenden Päpsten zu schlichten und die Kirche angeblich an Haupt und Gliedern zu reformieren, wird Hus als Gebannter trotz des vom Kaiser endlich zugesagten freien Geleites am 28. November 14t4 festgenommen und im bischöflichen Schloss Gottlieben Tag und Nacht in Ketten gehalten. Bei seinen Verhören erklärt er die Heilige Schrift zur obersten Instanz in allen Fragen des Glaubens, definiert die Kirche gut lollhardisch als die Gesamtheit der von Gott Erwählten und verwirft jeden geistlichen, juristischen oder weltlichen Hoheitsanspruch des Papstes, der für ihn nur "der Bischof von Rom" ist. Da er jeden Widerruf verweigert, wird er zum Tode verurteilt und am 6. Juli 1415 am Seeufer verbrannt.
Als die Nachricht von diesem ungeheuerlichen Wortbruch des Kaisers und dem heiligmäßigen Tode des Gottesmannes nach Böhmen gelangte, entstand eineVolkserhebung ungeahnten Ausmaßes. In Prag erschlägt die wütende Volksmenge hohe Kleriker, die als Gegner des Hus bekannt waren. Der böhmische Landtag, der sofort zusammentritt, verpflichtet sich feierlich vor Gott, die Predigt des reinen Gotteswortes mit allen Kräften zu schützen, schriftwidrigen Bannsprüchen sich zu widersetzen und das Andenken des Blutzeugen in Ehren zu halten. Und damit begann ein Krieg, dem an Blutdurst, raffinierter Grausamkeit und Verwüstungswut nur wenige in der Geschichte gleichkommen. Fünf Kreuzzugsheere setzen sich von 1420 bis 1431 gegen das ketzerische Land in Bewegung, aber allen werden vom tschechischen Volksaufgebot die furchtbarsten Niederlagen beigebracht. Die Husiten ergriffen sogar die Offensive und zogen von Mai 1427 ab plündernd, sengend und mordend bis nach Brandenburg, Thüringen und Bayern.
In diesen Jahren des Blutvergießens und Schreckens litten auch die Gemeinden neutestamentlicher Christen unsäglich. Die kleine alte Gemeinde in Regensburg wird aufgestöbert, ihr Ältester Grüneisen mit drei anderen Mitgliedern als "Bundesgenosse der Husiten" unter fürchterlichen Martern hingerjchtet. Ähnlich ergeht es den Gemeinden in Dresden, der Lausitz und der Ukermark. Am Rhein verbrennt man den sächsischen Edelmann Heinrich von Schlieben als angeblichen husitischen Spion, selbst in Nordfrankreich fallen kleine Gruppen Altevangelischer der Ausrottung anheim; die Beschuldigungen gegen sie lauten auf "Hetze zur Praguene", womit man die Ermordung katholischer Geistlicher meinte, wie sie in den Julitagen 1415 in Prag vorgekommen war. Jahrelang bemühen sich die Spürhunde des Herrn, wie sich die im Dienst der Inquisition stehenden Dominikaner selbst stolz nannten, den geheimen Verbindungsfäden nachzuforschen, die unzweifelhaft die zerstreuten kleinen Gemeinden irgendwie miteinander verbinden. Solche Verbindungen sind da: Gemeinden in Flandern wissen über das Auftreten schwärmerischer chiliastischer Bewegungen unter den Gläubigen in der Ukraine Bescheid, catalanische Christen gestehen auf der Folter, mit Gemeinden in Süditalien in Briefwechsel zu stehen, englische Wanderprediger werden in Schlesien festgenommen. In den Hirnen der nur im Schema der römischen Weltkirche denkenden Inquisitoren ergibt das alles das Bild einer satanischen Gegenkirche unter einem Ketzerpapst in irgendeiner geheimen Zentralkathedrale. Als man dann den altevangelischen Wanderbischof Friedrich Reiser, durch Verrat in Straßburg festnimmt, scheint sich dieses Bild zu bestätigen. Reiser, geboren in Schwaben, Spross einer Familie, die nach seinen Aussagen schon seit drei Jahrhunderten dem Evangelium Blutzeugen geschenkt hatte, war unermüdlich bestrebt gewesen, unter den Waldensern für eine weitere Annäherung an die neutestamentlichen Gemeinden zu wirken und sie mit ihnen zu verschmelzen.. Er besuchte waldensische Gemeinden in Brandenburg, in der Grafschaft Moers und Lothringen, - er korrespondiert mit den Talgemeinden Piemonts und der Dauphiné, er predigt im Entlebuch und im Emmental in der Schweiz, im Münstertal der Vogesen und im Hauensteinischen im Südschwarzwald. Besonders liegen ihm aber die zahlreichen kleinen Versammlungen am Herzen, die sich in den Zunftstuben der Weber und den Bauhütten der Steinmetzen in den Reichsstädten Südwestdeutschlands gebildet hatten. Mit ihnen bricht er das Brot, bei ihnen tauft und predigt er. In Donauwörth, Augsburg, Nürnberg und Straßburg hat er Zentren seiner Missionsarbeit, Als die Husitenstürme entfesselt werden, reist er sofort nach Böhmen, entschlossen, dort, wo alles in Gärung war, ein Asyl für die verfolgten Glaubensgenossen zu schaffen. Das große Heerlager (Tabor) der Husiten bei Prag war ein wimmelnder Ameisenhaufen von Böhmen aller Richtung, die nur in zwei Punkten ganz übereinstimmen: man müsse die Kirche des babylonischen Tieres, die Papstkirche und ihre Priester, ausrotten, wie Elias die Baalspfaffen ausrottete, und man müsse den Kelch des Herrn dem Klerus entreißen und allen Getauften geben. In der husitischen liturgischen Kontroverse über Brot und Wein, über die doppelte Gestalt des Messopfers, über Schrift und Überlieferung, Gottesdienst und Kirchensprache, liegt das große Ringen um die Überbrückung der von der Staatskirche römischen Stils geschaffenen wesensmäßigen Kluft zwischen Laientum und Geistlichkeit. So erglänzt auf dem Kelch in den Händen der vor den Husitenheeren einherreitenden Prediger das Leuchten einer neuen Zeit der Gleichheit der Menschen vor ihrem himmlischen Vater. Denn in Tabor steht der Laie gleichberechtigt neben dem Prediger, der Ritter neben dem Bürger und dem Bauern, der Edelmann neben dem Jedermann, - eins geworden im Zeichen des anbrechenden Erlösungszeitalters, das keine Rangordnungen, sondern nur noch das paradiesische Glück der Brüderlichkeit und Gleichheit kennt. Hier verkündigt der strenge Prokop, dass nur noch das in Böhmen gelten soll, was ausdrücklich in der Heiligen Schrift gefordert wird. So verwirft man das Fegefeuer, die Heiligenverehrung, die Verwandlung der Abendmahlselemente, die Reliquien, bestimmte Fastenzeiten und alle Kirchenfeste, Eid und Todesstrafe und geistlichen Stand; nur in der Landessprache soll gepredigt werden, und auch Laien sollen volle Predigtbefugnis haben. Friedrich Reiser kommt nach Tabor um das Jahr 1431. Er besucht alle zerstreuten Christen der alten Gemeinden in Böhmen und Mähren, er nimmt Kontakt mit den Waldensern der angrenzenden österreichischen Gebiete auf. Die neutestamentlich gesinnten Taboriten schätzen den kühnen Evangelisten sehr hoch; für sie ist er das Verbindungsglied zu der langen Kette apostolischgläubiger Gemeinden, ein "Bischof von Gottes Gnaden inmitten der durch die konstantinischen Geschenke verdorbenen römischen Kirche"; er ist einer der Mitältesten der taboritischen Gemeinde in Landscron und kann im Gefolge der 300 auf Verlangen des eingeschüchterten Kaisers nach Basel zum Kirchenkonzil entsandten geistlichen und weltlichen Abgeordneten Böhmens 1433 den Verhandlungen um eine Reform von Kirche und Staat beiwohnen. Ein damals von ihm abgefasster Reformationsplan, der als Druck verbreitet wird, enthält Formulierungen, wie sie 93 Jahre später dem deutschen Bauernparlament in Heilbronn geläufig sind. Als es der geschickten Diplomatie der Kurie gelingt, die anfängliche Einheitsfront der Husiten zu sprengen und die Mehrzahl der böhmisch-mährischen Delegierten sich mit dem einzigen Zugeständnis des Laienkelches zufrieden gestellt erklärt, bricht der Bürgerkrieg im tschechischen Raume aus. Reiser hatte vergebens davor gewarnt, mit dem Schwert Christi Gemeinden verteidigen zu wollen. Die Taboriten, entrüstet über den Verrat an der gemeinsamen Sache, beginnen den Zweifrontenkrieg gegen die Kapitulanten im eigenen Lager und die Kreuzfahrer an den Grenzen. Bei Lipan werden sie 1434 von den vereinten Kräften der Gegner militärisch vernichtet und verschwinden um die Mitte des Jahrhunderts auch als religiöse Partei. Nun will Reiser seine Mission zu Ende führen: in diesem noch vom Blut des Bürgerkrieges dampfenden Böhmen eine Zufluchtsstätte des Evangelismus zu schaffen, denn, so rechnet er, der Kompromiss der Mehrheit der Husiten mit Rom schafft wenigstens einen nicht unmittelbar der Jurisdiktion der Päpste unterstehenden Raum in Mitteleuropa, ein Gebiet, in dem durch das Nebeneinanderleben zweier verschiedener Kult- und Glaubensformen eine gewisse gegenseitige Duldung notwendigerweise entstehen muss. Flüchtlinge aus der Pikardie haben bereits Zuflucht in der Nähe Tabors gefunden, auch Waldenser aus Nieder- und Oberösterreich; jetzt will sich Reiser. aufmachen, um den hart bedrängten Geschwistern am Oberrhein und in Brandenburg die Botschaft zu überbringen, dass ihrem Zuzug nach Böhmen keine Hindernisse im Wege stehen. In Straßburg wird er jedoch von den Häschern der Inquisition erkannt und mit einer der Diakonissen der Gemeinde, Anna Barbara v. Weiler, auf dem Scheiterhaufen verbrannt, noch im Tode laut bekennend: "Gott ist die Liebe! Nur wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott!"
Wie er es vorausgesehen hatte, sollte sich das Werk des Herrn in Böhmen und Mähren in den nächsten hundert Jahren erfreulich entwickeln. Der frühere Kriegshauptmann der Taboriten, Peter von Cheltschitz, war schon lange vor Ausbruch des Bürgerkrieges durch Unterredungen mit Reiser zu der Überzeugung gekommen, dass auch Christus uns ein Gesetz gegeben habe, das er auf die Frage eines Schriftgelehrten lt. Matth. 22:35-40 mit den Worten formuliert hatte: "Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Das ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" Paulus hatte dasselbe Gesetz in seinem Brief an die Galater (6:2) so wiedergegeben: "Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen". In seinem geistig hochbedeutenden Buch "Das Netz des Glaubens" hatte er aus diesem "Gesetz Christi" nun den ganzen Glaubensstand einer neutestamentlichen Gemeinde entwickelt, bis in die Einzelheiten hinein zu denselben Schlussfolgerungen kommend wie die altgläubigen Brüder in Syrien, Armenien, Kurdistan, Spanien, Bulgarien, Albanien, Bosnien, Italien und Frankreich. Er brach die Verbindung mit seinen früheren Waffengefährten ab und zog sich auf sein Gut in der Nähe von Senftenberg zurück. Hierhin kamen dann auch nach der endgültigen Zerstörung Tabors durch die gemäßigten Husiten im Jahre 1452 die Reste jener streng biblizistischen Taboriten und Pikarden und entwickelten sich unter seinem Einfluss und unter der geistigen Leitung des Gregor, eines Neffen des husitischen Bischofs von Prag, zu einer besonderen Gemeinschaft. Die bald über sie hereinbrechenden Verfolgungen bestärkten sie in ihrer Absonderung von der husitischen Kirche und in ihrem Bestreben, eine rein neutestamentliche Gemeinde zu bilden. Im Jahre 1467 findet im Walde von Lhotka bei Reichenau eine entscheidende Besprechung von etwa 60 Gottsuchern aller neutestamentlichen Richtungen statt: da sind ehemalige Taboriten, Leute aus dem Kreise des Peter von Cheltschitz, ehemalige Waldenser und altgläubige Christen versammelt. Unter heißen Gebeten erflehen sie Gottes Segen auf die sich nun bildende neue Bruderschaft herab und erwählen drei aus ihrer Mitte zu Altesten, beauftragt mit der Angleichung der werdenden Gemeinde an das apostolische Vorbild. Die drei Gewählten werden von einem ehemaligen katholischen Priester und zwei Waldenserältesten zu der ihnen übertragenen Aufgabe durch Handauflegung ausgesondert. Die Versammlung beschloss, zum gewaltlosen Weg des Heilands zu stehen und verwarf daher unter steter Berufung auf das Neue Testament Kriegsdienst, Todesstrafe, weltliches Richteramt und den Eid. In Bezug auf die irdischen Güter sollte der apostolische Grundsatz gelten, dass die Besitzenden so zu leben hätten, als besäßen sie nichts, und dass sie sich der Tatsache bewusst blieben, dass sie nur Verwalter der ihnen durch Gottes Gnade zuteil gewordenen Güter seien.
Die erste Arbeit der Brüder-Altesten lag vor allem auf dem Gebiet der Gemeindeverfassung und Kirchenzucht. Und hier haben sie Großes geleistet. Der lutherische Kirchengeschichtsforscher v. Zezschwitz muss später widerwillig zugeben: "Der unparteiische Historiker wird sich genötigt sehen, anzuerkennen, dass seit den Zeiten der apostolischen Gemeinden keine Kirchengemeinschaft in graduell angenäherter Weise Ähnliches an tatsächlich reiner und edler Lebenserscheinung geleistet hat, als die böhmischen Brüder." Die "Grubenheimer", so nannten die katholischen und husitischen Kleriker spöttisch die in den Höhlen der Sudeten und des Riesengebirges zusammenkommenden christlichen Brüder in Böhmen und Mähren, nahmen bald einen gewaltigen Aufschwung. Um 1490 zählte man in diesen Ländern schon über 300 Gemeinden mit über 100 000 Gliedern. Kein Wunder, dass unter den Neuhinzugekommenen viele waren, die den Heilsweg Gottes mit den Menschen nicht richtig begriffen hatten. Der gelehrte und viel gereiste Magister Lukas aus Prag, der nach dem Aussterben der ersten Generation der Gläubigen immer mehr in den Vordergrund trat, zieht eine große Anzahl Adliger, deren Söhne er auf der Universität unterrichtet hatte, in die Brüderunität hinein, die ihnen besser zusagt, als die zwar das Abendmahl unter beiden Gestalten feiernde und in tschechischer Sprache die Messe lesende Husitenkirche, die aber sonst alle römischen Bräuche, Riten und Klerikergrade beibehalten hat. Die alte Sittenstrenge und der alte Bibelglaube werden immer mehr aufgeweicht. Als Lukas gar im Jahre 1494 eine "Synode" nach Rychnow einberuft, die den Eid und die Gleichheit der Stände im Gemeindeleben abschaffen wollte, wehrt sich die urchristliche Minderheit der Brüdergemeinden gegen die Abweichung von der neutestamentlichen Grundlinie, die in diesen Anderungsvorschlägen zum Ausdruck kommt. Unter der Führung des Schmiedes Amos aus Wodnian ziehen sie sich von der Brüdergemeinschaft zurück und stehen als "Kleine Herde" nur noch in Verbindung mit den Resten der altevangelischen Gemeinden in Steiermark, Slavonien, Dalmatien und Süditalien. Die Mehrheit aber, die Unitas Fratrum, wird zur drittstärksten Kirche Böhmens und Mährens gerade in den exitscheidenden Jahren der Reformation; die Wehrlosigkeit wird aufgegeben, ihre Geistlichen leben in bequemen Pfarrhäusern, Kirchen und Kapellen entstehen in über 100 Orten; schon 1505 wird ein einheitliches Gesangbuch, dann eine einheitliche liturgische Ordnung für die neue Kirche geschaffen, ein erster Katechismus, noch aus der Hand des Lukas von Prag, folgt. Immer mehr nähert man sich der Lehre und Praxis nicht etwa der nun entstehenden lutherischen Kirchen, sondern denen der Romkirche. In einer Schrift an Luther verteidigt Lukas die Sakramente, insbesondere ihre "heilige Siebenzahl", und die Ehelosigkeit der Priester. 1575 kommt es dann endlich zur Aufstellung eines eigenen Glaubensbekenntnisses, der Confessio Bohemica, in dem die Glaubenstaufe der Erwachsenen, die bis 1535 immer noch geübt worden war, völlig fallen gelassen wird. Auf Grund dieses Glaubensbekenntnisses erfolgt noch in demselben Jahre die Wiedervereinigung mit der Husitenkirche. Die wenigen Getreuen der "Kleinen Herde" aber, die Gottes Strafe für den Rückfall prophezeien, werden als Schwärmer und Gesetzler verspottet. 1621 bricht das Unheil über die einst 80 gesegneten Böhmisch-Mährischen Brüdergemeinden herein: Tausende der lau gewordenen fallen der katholischen Gegenreformation zum Opfer, andere Tausende müssen die geliebte Heimat, alles Besitzes beraubt, verlassen, - die meisten treten unter dem Druck des Staates und seiner Kirche zur römischen Großsekte zurück.
Die gewaltige Auflehnung gegen die Papstmacht, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Mitteleuropa erfolgte, ist, um mit dem streng romgläubigen Joseph Görres zu sprechen "aus dem Innersten Geist unseres Stammes hervorgegangen. Dieser Geist ist jener ethische Unwille über jeden Frevel am Heiligen, jener Abscheu vor jeder moralischen Fäulnis, die sich irgendwo offenbart, jene Entrüstung, die sich gegen jeden Missbrauch schnell erhebt, jene unzerstörbare Freiheitsliebe, die jedes Joch, das treulose Gewalt ihr aufzulegen sucht, früh und spät immer abzuschütteln weiß, kurz, die ganze Masse antiseptischer Eigenschaffen , um die Fäulnis, wozu besonders der wärmere Süden so gerne sich neigt, so oft es Not tut, abzuwehren." Im Abendland war in der Tat der Prachtbau der römischen Kirche ein Infektionsherd geworden. Nicht nur in den Kreisen des gebildeten" Bürgertums und des kultivierten Feudaladels hatten sich unter dem Einfluss vor den Türken geflohener Griechen und Levantiner alle heidnischen Laster ausgebreitet. Prunksucht und Kleiderpracht, Verschwendungssucht und Glücksspiele, Wucher ünd brütale Rohheitsakte, Rachsucht und Grausamkeit, selbst Mord und Totschlag, Unzucht und Päderastie beherrschten keineswegs nur, wie man in katholischen Kreisen den Anschein zu erwecken sucht, die weltlichen, sondern auch und gerade die kirchlichen Kreise. Pastors Papstgeschichte und Burckhardts Studien über die Renaissance wimmeln von Beispielen auf diesem Gebiete. Die Missstände im Papsttum, die kein katholischer Apologet zu verschweigen unternimmt, waren weithin die Ursache der Missstände unter der höheren Geistlichkeit. Männer wurden Bischöfe, denen der Beruf zum Seelsorger vollkommen abging, die durch ihr Leben diesen Stand schändeten und dem Volk zum Ärgernis machten. Im niederen, schlecht bezahlten Klerus hatte sich ein geistlicher Proletariat herausgebildet, das auch in sittlicher Hinsicht in vielen Fällen weit unter dem Niveau des Kleinbürgertums der Städte oder der freien Bauern des Landes stand. Der Aberglaube wuchs, der Hexenwahn nahm zu und erhielt durch päpstliche Verfügungen allerhöchste Billigung und die Richtlinien zur Folterung und Ausrottung jener unglücklichen Frauen und Männer, die durch Neid, Rachsucht und krankhaft-hysterisches Verhalten den Hass oder Abscheu ihrer Mitmenschen erregt hatten.
Es bedurfte nur eines besonderen Anlasses, eines besonderen Werkzeuges Gottes, um die vom Schwamm befallene Papstkirche in großen Teilen zum Einsturz zu bringen: den Anlass gab der Verkauf von Ablassbriefen zu Gunsten des Baus der Peterskirche in Rom und des tief verschuldeten Erzbischofs von Mainz seit Beginn des Jahres 1517 durch den Dominikaner Tetzel; das Werkzeug wurde der Theolögieprofessor Martin Luther im kursächsischen Wittenberg. Der einstige fröhliche Rechtsstudent war durch ein erschütterndes persönliches Erlebnis zum Eintritt in das Augustiner-Kloster in Erfurt bewogen worden und hatte nun dort durch asketische Übungen aller Art, vom Dauergebet und Fasten bis zu Geißelungen, Vergebung für seine Sünden, oder, wie er es nannte, einen "gnädigen Gott" zu erlangen gesucht. Durch das Studium der Schriften deutscher Mystiker wie des Johannes Tauler und des Deutschherren von Frankfurt, die den Inquisitoren von jeher wegen ihrer mannigfachen Gesinnungsverwandtschaft mit den Gemeinden Christi im Elsaß und im Oberland verdächtig waren, war er zu der Überzeugung gekommen; dass das Heilswirken Gottes am Menschen und durch den Menschen im Glaubenlernen und Glaubenkönnen bestehe, weil allein der Glaube an das geoffenbarte Gotteswort uns zur Erkenntnis unseres heillosen Zustandes und damit zur Reue und zu Jesus Christus führe. Mit Jesus Christus, dem Gottessohn, wird der Mensch Gottes Eigentum, sodass Gott in ihm und durch ihn wirken kann. Drum wurde für Luther die Bibel nicht ein Buch von Vorschriften, mittels derer man sich Gottes Gnade versichern kann, sondern die Botschaft des sich ohne Bedingungen unserer erbarmenden und in Christus sich uns schenkenden Vatergottes. Jede aktive Mitwirkung des Menschen bei der Heiligung durch diesen Gott wurde deshalb von dem jungen Reformator in Frage gestellt; nichts darf sich widerrechtlich zwischen Gott und die heilsuchende Menschenseele stellen. Deshalb musste ihm bald der Papst und seine Kirche als die Verkörperung der babylonischen Hure auf dem Rücken des apokalyptischen Tieres der Johannesoffenbarung erscheinen und ihn zu dem Aufschrei veranlassen: "Das Evangelium hat nicht heftigere noch wütigere Feinde, denn eben den Papst mit seinen Geistlichen und Hohen Schulen. Siehe, siehe, wie wallet mein Blut und Fleisch! Wie gern wollte es das Papsttum gestraft sehen, so doch mein Geist wohl weiß, dass keine zeitliche Strafe genügend sein könnte, auch nicht für eine einzige Bulle oder ein einziges Dekret!"
Am 31. Oktober 1517 erfolgte durch den berühmten Thesenanschlag an der Schlosskirchentür zu Wittenberg Luthers Kriegserklärung an die abgefallene Kirche Roms. Der Papst antwortete mit einer Vorladung des öffentlichen Ketzers nach Rom, doch verweigerte der Landesherr Luthers, Kurfürst Friedrich von Sachsen, der schon zwei Jahre vorher die Ablasspredigt in seinem Land nicht zugelassen hatte, weil das Kurfürstentum schon "von allem Geld erschöpft und ausgesogen" wäre, seine Auslieferung. Luther aber appellierte "von dem übel beratenen Papst an ein allgemeines Konzil", obwohl er auch die Entscheidung einer solchen Kirchenversammlung nicht für unfehlbar erachtete, sondern nur "aus dem Wort Gottes in der Schrift" gerichtet werden wollte. 1520 bezeichnete er erstmals den Papst als Antichrist und forderte Abschaffung des Zölibats, der Seelenmessen, Wallfahrten, Fasttage und der Abgaben an die römische Kurie. Im Oktober desselben Jahres verwirft er die Messe überhaupt, den sakramentalen Charakter der Firmung, der letzten Ölung und der Priesterweihe, und verbrennt am Vormittag des 10. Dezember die päpstliche Bulle, die ihm den Bann androhte. Am 3. Januar 1521 wurden Luther und seine Anhänger aus der Kirche ausgeschlossen, am 26. Mai auf dem Reichstag zu Worms auch von Kaiser und Reich geächtet. Das Volk aber stand im Norden und Süden, im Osten und Westen der deutschsprachigen Länder auf für den Reformator, den die Klugheit seines Landesherren vorerst auf der Wartburg vor seinen Feinden verborgen hielt. Hier übersetzte er zuerst das Neue Testament, später auch die Psalmen, und ließ die Heroldsrufe des Gottesreiches durch billige Drucke in die Masse werfen. Der Kampf um eine Reform der Kirche an Haupt und Gliedern, in dem einst ein Wyclif und ein Hus, getroffen vom Bannstrahl Roms, auf der Strecke geblieben waren, wird nun erst eine wahre Angelegenheit des Volkes. Gleich gesinnte katholische Priester und Theologen stießen zu der Bewegung: ein Zwingli in der Schweiz, ein Bucer in Straßburg, ein Brenz in Württemberg. Die alten Gemeinden erwachten zu neuem Leben, ihre Evangelisten verließen die "Winkel" und "Gruben" der Katakombenzeit und predigten auf den Stufen der Dome in den Bischofsstädten, unter der Linde auf dem Dorfanger, und ihre der Schrift entnommenen Argumente gegen die Priesterkirche und die Säuglingsbesprengung fanden überall lauten Beifall. Aber auch Enthusiasten, Schwärmer, Hysteriker aller Art traten ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, auf die eine oder andere Art versuchend, ihre sozialrevolutionären, ritterlich-restaurativen oder apokalyptisch-chiliastischen Vorstellungen mit Gründen der heiligen Schrift zu untermauern.
In dieser Zeit des Überganges von der patriarchalischen Lehenswirtschaft zum Großgrundbesitz, von der Gildenwirtschaft der freien Städte zum Kommerzialismus der großen Handelsherren Mailands und Augsburgs, der Toskana und der rheinischen Pfaffengasse hatten sich die wirtschaftlichen Gegensätze zwischen den immer mehr verelenden Armen und den an Macht und Vermögen zunehmenden Reichen bis an die Grenze des Unerträglichen verschärft. "Wer reich ist, der soll Almosen geben, Spitäler errichten, den Hungrigen speisen, den Durstigen tränken; den Nackten bekleiden, den Fremden beherbergen und die Werke der Barmherzigkeit tun allesamt. " So predigte schon 260 Jahre vor dem Anbruch der Neuen Zeit der franziskanische Volksredner Berthold von Regensburg, und so wie er, verkündeten, bis knapp acht Jahre vor Beginn des Großen Bauernkrieges die wohlmeinenden Priester der Romkirche es dem Volke. Aber nun wagte sich immer lauter der Zweifel an der Gottgewolltheit einer Ordnung hervor, die in so augenfälliger Weise dem im Wohlleben prassenden Reichen den hungernden Armen gegenüberstellte, und aus diesem Zweifel erwuchs der Drang, einen anderen Ausweg zu suchen als den, den der friedfertige Mönch von Regensburg aufgewiesen hatte.
Der zuerst einen solchen Weg aufwies, war keineswegs ein Altevangelischer; es war der 1935 von der katholischen Kirche heilig gesprochene englische Staatskanzler Thomas More in seinem philosophischen Roman "Utopia", dessen Titel von nun an zur Bezeichnung aller gesellschaftsumformenden Projektemacherei dienen sollte. Zu Gunsten des Staates hatte in dem erträumten Zukunftsreich, so meinte der humanistische Diplomat, der einzelne völlig auf sein Eigentum zu verzichten, seine Kinder der Erziehung durch Priester zu überlassen, die ihnen ein Minimum an Glaubenwahrheiten, aber ein Höchstmaß von Ehrfurcht vor der Staatsgewalt beizubringen hatten. Durch seinen Busenfreund Erasmus von Rotterdam kamen diese Ideen auch nach Deutschland, wo sie in Thomas Münzer, dem exkommunizierten katholischen und ob seiner chiliastisch-mystischen Schwärmerei auch schon wieder mit Luther und den altgläubigen Gemeinden zerfallenen Prediger und Humanisten, einen an Plato geschulten enthusiastischen Verfechter fanden. Gott habe "von Anfang" seiner Art nach alle Dinge gemeinsam, rein und frei gemacht, und Christen gegen Christen sollten "billigerweise nichts Eigenes haben", auf, dass "eine Gleichheit sei und alles gemein sei und gleich zugehe... Die Gemeinde ist rein, das Dein und Mein ist unrein", das ist die More-Münzer-Formel, die am Beginn des Bauernkrieges steht. Im Namen des wahren Gotteswortes hebt der Aufstand in Deutschland an, seine zwölf Artikel wollen die aus der Gotteskindschaft herrührende und mit dem Blut Christi neu erkaufte Freiheit und Gerechtigkeit auf Erden wiederherstellen. Sogar der Kurfürst von Sachsen, Luthers Beschützer, meint in einem Schreiben an seinen Bruder: "Vielleicht hat man den armen Leuten zu solchem Aufruhr Ursach gegeben! Gott wende seinen Zorn von uns. Will Gott es also haben, so wird es also hinaus gehen, dass der gemeine Mann regieren soll!"
Die katholische Kirche aber erkennt ihre Stunde. Sie weist die Fürsten und Stände, die bisher die Reformation begünstigt hatten, da sie durch die Beschlagnahme des geistlichen Besitzes profitierten, darauf hin, dass ohne Luther und seine Bibelübersetzung dieser Aufruhr überhaupt nicht zu Stande gekommen wäre. Und wirklich werden viele der gekrönten und ungekrönten Häupter des deutschen Landes unsicher. War ihre Entmachtung, ihre Beraubung das Endziel der reformatorischen Bewegung? Da sendet Luther, der für die Existenz der, trotz der apostolischen Mahnung 1. Kor. 1:12-13 und Apg. 4:12 sich nicht nach Menschen zu richten, sich nach ihm nennenden neuen Kirche zittert, sein Schreiben "Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern" hinaus mit der Aufforderung "Steche, schlage, würge hier, wer da kann!" Nur zu gern wird der Rat befolgt. Mit den Bauern und ihren Führern erhält auch die unter dem Einfluss neutestamentlicher Gemeinden entstandene Täuferbewegung ihre schwerste Wunde. Schon ehe mit Andreas auf der Stülzen in Zürich ein Spross der altgläubigen Gemeinden ins volle Licht des Tages trat, war unter den Anhängern des schweizerischen Reformators Zwingli, den Pfarrern Simon Stumpf, Wilhelm Räublin und Brötli, gefordert worden, "man müsse sich vergaumen (absondern) und bewahren vor der bösen Art und eine reine Kirche und Gemeinschaft gründen der rechten Kinder Gottes, die den Geist haben und von ihm regiert und geführt werden". Die Gemeinde des Herrn müsse nach ihrer langen Verwilderung nach neutestamentlichen Richtlinien völlig neu gesammelt werden. Das wahre Christenleben beginne mit der Taufe; getauft könne aber nur werden, wer da glaube. Säuglinge können nicht glauben, folglich auch nicht getauft werden. Als diese Thesen 1521 zum ersten Mal durch die beiden Patriziersöhne und Humanisten Felix Manz und Konrad Grebel in Zürich öffentlich verkündigt wurden, machte sie der Buchhändler Andreas auf der Stülzen auf die Überreste der heimlichen Taufgesinntengemeinden im Berner Oberland aufmerksam, denen er selbst entsprossen war. Man nahm mit ihnen, wenn auch zuerst nur sehr zögernd, da man in ihnen Gesinnungsfreunde des aufrührerischen Schwärmerpredigers Thomas Münzer witterte, Fühlung; als man sich aber überzeugte, dass diese nüchternen, auf das Wort pochenden und das Wort als alleinige Richtschnur bekennenden Menschen nicht das Geringste mit dem mystischen Chiliasmus der Zwickauer Propheten zu tun hatten, eröffnete man sich freudig ihrem Einfluss. Am 25. Januar 1525 taufte Manz im Zürichsee den ehemaligen Graubündener Mönch Georg Cajakob-Blaurock. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später wurde Manz selbst auf Anraten Zwinglis und auf Anweisung des Großen Rates in der Limmat ertränkt. Der Schweizer Reformator glaubte genauso wie der mitteldeutsche, nicht auf das Bündnis zwischen Kirche und Staat verzichten zu können. Die kleine Schar der Gläubigen in Zürich stob auseinander; im Hochschwarzwald und in den Vogesen, im Bergland zu beiden Seiten des Rheins zwischen Konstanz und Basel, in den Reichsstädten Regensburg, Nürnberg, Augsburg, Memmingen, Lindau und Straßburg, in Tirol, Steiermark, Salzburg, in Osterreich, Mähren und der Slowakei fanden sie nähere und entferntere Gesinnungsgenossen, mit denen sie zusammen zu beten, aber auch sich auseinander zu setzen hatten. Denn die Täuferbewegung oder die "Wiedertäuferei", wie sie ihre Gegner nannten, war als Ganzes kaum als eine direkte Fortsetzung der vorreformatorischen Gemeinden Christi anzusehen; dazu vereinigte sie zu viel einander widersprechende Elemente in ihren Reihen. Den über 500 000 Täufern Mitteleuropas war wohl gemeinsam die Verwerfung der Säuglingsbesprengung; die Lösung jeder Verbindung zwischen Christengemeinde und Staat war ihnen eine Selbstverständlichkeit; die Ablehnung des Eides und des Richteramtes und ihre scharfe Stellung gegen Bilderdienst und magische Auffassung kultischer Handlungen ergab sich aus ihrer Einstellung zur Bibel, die sie als unfehlbaren Führer der Gläubigen zur ewigen Seligkeit betrachteten. In allen diesen Dingen, ebenso wie in der Gestaltung ihrer Gemeinden nach dem Muster der urchristlichen, glichen die Täuferkirchen aller Schattierungen, durchaus unseren vorreformatorischen Gemeinden Christi. Aber es gab doch Dinge, in denen sie sich scharf von der nüchternen, nur an das Neue Testament sich orientierenden Art der Altgläubigen unterschieden. Ihre Meinung z. B., dass alle Menschen, Christen und Nichtchristen, mit einem bestimmten Quantum heiligen Qeistes, den sie gewöhnlich das "Innere Licht" nannten, ausgestattet worden seien, und dass dieses Innere Licht eine wirkliche Stimme Gottes sei, die alle die zur Seligkeit leiten könne, die darauf lauschten, führte zu schwärmerischen Offenbarungen und gefährlichen Visionen und im Endergebnis zu dem Glauben, dass die Heilige Schrift noch, der Ergänzung durch persönliche Botschaften des Gottesgeistes an sündige Menschen bedürfe. Ihre fiebernde Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Tausendjährigen Reiches Christi auf Erden, ihr feuriger Wunsch, dieses Reich verwirklichen zu helfen durch Wiederherstellung des fälschlich so genannten apostolischen Kommunismus, brachte sie in enge Verbindung mit sozialrevolutionären Elementen vom Schlage Münzers und jener holländischen Täufer, die in Münster in den Jahren 1533 bis 1535 mit Waffengewalt der Herrschaft des Bösen ein Ende machen und das neue Zion unter fast völliger Verwerfung aller neutestamentlichen Lehren, aber unter desto stärkerer Heranziehung alttestamentlicher Ideen zu verwirklichen unternahmen.
Bei dieser Lage der Dinge war es nicht überraschend, dass der Reichstag schärfste Maßnahmen gegen alle Sekten beschloss, die sich gegen die Säuglingsbesprengung und für die Glaubenstaufe aussprachen. Sie wurden als "gefährliche Feinde aller geistlichen und weltlichen Regierung" erklärt und ihre Anhänger in Bausch und Bogen zum Tode verurteilt. Das Ergebnis dieses Beschlusses war die fast völlige Ausrottung nicht nur der das Schwert bejahenden chiliastischen Täufer, sondern auch der gewaltlosen, streng biblizistischen Gemeinden Gottes in Mitteleuropa. Unter den etwa 100 000 als "Wiedertäufer" hingerichteten, zu Tode gefolterten oder in Kerkern verhungernden Gegnern des Staatskirchentums aller Schattierungen in den Niederlanden, Friesland, Westfalen, im Bergischen Land, Thüringen, dem Rheingau, der Pfalz, dem Elsaß, Mainfranken, Oberbayern, Osterreich, Salzburg, Kärnten, Krain, Tirol, Hauenstein und der Schweiz, um nur die wichtigsten Zentren der Christenverfolgungen zu nennen, befanden sich rund 42000 Altevangelische. Die Kleine Herde in Böhmen wurde so gut wie völlig vernichtet, dasselbe Schicksal traf die wehrlosen Christen in der Pfalz und in der elsässischen Landvogtei. Nur in Hessen und in der Freien Reichsstadt Straßburg loderten keine Scheiterhaufen: hier hatte der erste Reformator Hessens, der ehemalige Franziskaner Lambert von Avignon, der mütterlicherseits katharischen Kreisen entstammte, - dort der große Berg- und Wasserbau-Ingenieur Pilgram Marbeck aus Tirol, der zu den Altevangelisten gestoßen war, solch nachhaltigen Einfluss ausgeübt, dass man gegen Täufer und neutestamentliche Christen "nur" mit Kerker, gegebenenfalls bis zum Lebensende, Güterbeschlagnahme und Verbannung vorging.
Es ist nicht unnötig, darauf hinzuweisen, dass es keineswegs nur die romkatholische Kirche war, die Ketzerblut in Strömen vergoss. Die neuen Reformationskirchen lutherischer und zwinglianisch-calvinistischer Prägung wetteiferten mit ihr bei der Ausrottung der verhassten Störer der geistlichen Friedhofsruhe, die sich unter dem Schutz des Grundsatzes "Cuius regio, eius religio" ("Über den Glauben entscheidet der Landesfürst!") im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation auszubreiten begonnen hatte. Selbst der als sanft gerühmte lutherische Gottesmann Melanchthon erstattete theologische Gutachten für seinen Landesherrn, die die Hinrichtung aufgegriffener wehrloser Taufgesinnter rechtfertigen sollten.
Nach und nach hörten die Gemeinden Christi in Europa zu existieren auf. Was die blutige Verfolgungszeit von 1525 bis 1575 von ihnen noch übrig gelassen hatte, ging in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges unter. Manche von ihnen schlossen sich den halbwegs geduldeten friedlichen Täufergruppen der Mennoniten und Familisten an, andere der kleinen Gefolgschaft Schwenkfelds in Niederschlesien. Was blieb, waren noch etwa 1000 Gläubige um das Jahr 1688, verstreut in abgelegenen Weilern der Vogesen und des Hunsrück, in Höfen am Rande der Rhön und auf einigen Inseln vor der friesischen Küste, in den Mooren und Brüchen Ostpreußens, in Sägemühlen des Béarn und Foix am Fuß der Pyrenäen, im Witoschmassiv Bulgariens, am Zab in Kurdistan und im nördlichen Armenien. Etwas mehr als 5000 siedelten unter deportierten russischen Schismatikern im Kosakengebiet an Kuban und Terek und in den Steppen Sibiriens.
Was die dunklen Jahrhunderte der blutbefleckten Folterwerkzeuge
und der rauchenden Scheiterhaufen nicht fertig gebracht hatten, die völlige
Zerstörung der Gemeinden des Herrn, brachten dann die Jahrhunderte der
Toleranz, mit der Herrschaft des aufgeklärten Absolutismus in den
Ländern Kaiser Josephs und König Friedrichs beginnend, fast zu
Stande: aus der Nacht der Katakombenexistenz auftauchend, konnten viele Glieder
der Gemeinden sich in der so verlockend erscheinenden Sonne der Freiheit
des Glaubens nicht mehr zurechtfinden. Sie hinderten ihre Kinder nicht an
der Schließung von Ehen mit Mennoniten, Amischen oder Baptisten, dass
diese doch auch die Glaubenstaufe der Erwachsenen praktizierten. Sie
sympathisierten mit anderen Gruppen bisher Verfolgter, die ebenfalls behaupteten,
biblische Wahrheiten zu vertreten: mit Inspirationsgemeinden und
Neutäufern, radikalen Pietisten und Quäkern. Der Geist der
Evangelischen Allianz, jener Geist, der jedem die Mitgliedschaft in der "Kirche
seiner Wahl" zubilligte und den gesetzlich-mosaischen Adventisten des Siebenten
Tages gleichberechtigt neben den fast antinomistischen Pregizerianer, den
sich mit dem Gedanken der Erbsünde quälenden starren Calvinisten
neben den die Willensfreiheit des Menschen verteidigenden arminianischen
Methodisten, den ans Sakrament der Säuglingsbesprengung glaubenden
Lutheraner neben den die Glaubenstaufe bejahenden Baptisten stellte,
unterminierte die Restgemeinden. Die Nachkommen der Blutzeugen wurden lauwarm,
manche fielen ab. Als der erste Weltkrieg ausbrach, zählte man in
Mitteleuropa nur noch drei kleine Gemeinden mit nicht ganz 20 Familien, die
sich zur apostolischen, Ordnung ihres Lebens und zur Taufe zur Vergebung
ihrer Sünden bekannten.
Die Blutsaat der Märtyrergemeinden war nicht umsonst gesät; Gottes Wort kam nicht leer zurück. Im ganzen Abendland gaben die Überlebenden der Verfolgungsjahrhunderte, ohne es zu wissen, den entscheidenden Anstoß zu mächtigen Erweckungsbewegungen. In England wirkten die Reste der lollardischen Christengemeinden, die Seekers, entscheidend auf Puritaner und Quäker ein; in Holland fanden flüchtende englische Puritaner durch den Einfluss mennonitischer und altevangelischer Kreise zum Congregationalismus und Baptismus; in Mitteldeutschland sickerte durch nach Sachsen versprengte mährische Brüder manches vom Wesen der alten Gemeinden in die fundamentalen Lehr- und Verfassungssysteme der Herrnhuter ein. Doch nur in wenigen und zahlenmäßig sehr kleinen Gemeinden zeigte sich offenkundiger das Überleben neutestamentlich-vorreformatorischen Gedankengutes: bei den Sandemanians in Schottland z.B., den Kollegianten in Holland oder den Tunkern Nordwestdeutschlands, die später jenseits des Atlantik blühende Brüderkirchen gründen sollten.
Aber gerade in jener Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts,
als es so aussah, als erlösche mit den letzten paar hundert Altevangelischen
Mitteleuropas jene Fackel apostolischen Glaubens, die von Gemeinde zu Gemeinde
Jahrhunderte hindurch weitergereicht worden war, erwies es sich, dass der
Herr immer noch zu jenem prophetischen Wort stand, das er einst durch Jesaias
gesprochen hatte: "Das zerstoßene Rohr soll nicht zerbrochen und der
glimmende Docht nicht ausgelöscht werden!" Samen wird, sofern er nur
in günstigen Boden gelangt, aufgehen und Frucht bringen, - dieselbe
Frucht in Galatien wie in Italien, in Deutschland wie in der Ukraine, in
Holland wie in Amerika. So ist es auch mit Gottes Wort, dem Samen des
Himmelreichs. Wo es gesät wird und wo es in reine Herzen fällt,
kann es nur Christen und Gemeinden Christi hervorbringen; Und so geschah
es auch in jenen ersten Jahren nach 1800, als die Kirchen des lebendigen
Gottes in Europa, die alle Mächte der Hölle nicht hatten
überwältigen können, nun zu siechen begannen unter dem Moderhauch
falscher Duldsamkeit und christlich aufgeputzen Vernunftkultes. In dieser
Zeit entstand jenseits des Ozeans, völlig unabhängig von den
zentraleuropäischen Gemeinden der Vorreformationszeit, von deren Existenz
man noch nicht einmal wusste, jene Bewegung zur Wiederherstellung
neutestamentlichen Glaubens und Gemeindelebens, die unter dem Namen der
"Restoration Movement" in die Kirchengeschichte eingegangen ist. Hier sollte
an keine Tradition angeknüpft, kein totes Bekenntnisschema wieder zum
Leben erweckt, keine alten Gottesdienstformen erneuert werden. Hier sollte
aus dem Geist und Wort des Neuen Testamentes heraus Gemeinde Christi neu
erstehen. Ganz unabhängig voneinander beschlossen der Methodist O'Kelly,
der Baptist Abner Jones, der Presbyterianer Barton Stone und die beiden eben
aus Nordirland eingewanderten freikirchlichen Theologen Campbell Vater und
Sohn alle von Menschen erdachten Glaubensbekenntnisse, Dogmen, Katechismen
beiseite zu stellen und nur noch auf dem Grundstein, der da ist Christus,
die Gemeinde des Neuen Bundes zu bauen. Ihr Anliegen fand in den Herzen von
Tausenden ein weithin hallendes Echo. Gott fügte hinzu zu den Gemeinden
nicht nur zahlreiche einzelne Sucher nach einem Ausweg aus dem Sektenlabyrinth
ihrer Zeit, sondern auch Hunderte junger Prediger; ja, ganze Gemeinden
verließen den Kerker ihrer Separatkirchen und schlossen sich der Bewegung
für neutestamentliches Christentum an. In wenigen Jahren zählte
man schon Hunderte dieser Gemeinden Christi auf dem amerikanischen Kontinent,
und das Wort von der wahren Einheit der Kirche auf der einzigen und allein
sicheren Grundlage der letzten Offenbarung der göttlichen Liebe zu uns
Menschen in seinem eingeborenen Sohn weckte jährlich neue Scharen von
Menschen aus ihrem tödlichen Schlummer auf und ließ sie die
Untertauchtaufe zur Vergebung der Sünden und die Gemeinschaft mit allen
Heiligen beim Brechen des Brotes und in Gebet und werktätiger Liebe
suchen. Es ist klar, dass auch dieser plötzlich aufgesprungenen Bewegung
Rückfälle und Spaltungen nicht erspart blieben; der allen Menschen
innewohnende Hang zur Regelung aller, auch der göttlichen und geistlichen
Dinge, durch den so genannten gesunden Menschenverstand trieb einzelne
Wortführer der Gemeinden zur Zentralisation, zuerst auf dem Gebiet der
Mission, dann auch auf dem der Gemeindeordnung, sodass es manchmal aussah,
als solle aus der neutestamentlichen Glaubensbewegung nur wieder eine neue
Kirche, eine neue Theologie, ein zuerst nur erläuterndes, dann aber
als verbindlich erklärtes Bekenntnis entstehen. Allen diesen Versuchen
widerstand aber ein sehr beträchtlicher Teil der gläubig Getauften,
sodass wir in aller Demut sagen dürfen, dass der Herr seinen Samen in
den Vereinigten Staaten vor der Überwucherung durch Unkraut und Dornen
bewahrt hat. Schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts brachten treue Zeugen
die frohe Botschaft von der Wiederherstellung der neutestamentlichen Gemeinden
nach Australien, Neuseeland und auch nach England und Schottland. Es bedurfte
aber erst der Zuchtrute des zweiten Weltkrieges, um die Voreingenommenheit
der sich bisher im Hafen ihrer Staatskirche gerettet wähnenden
religiösen Menschen Europas zu erschüttern. 1947 kamen die ersten
Evangelisten aus den USA nach der Schweiz, nach Zürich, ohne zu ahnen,
dass 420 Jahre zuvor in dieser Stadt einer der treuesten Jünger des
Herrn der erste Blutzeuge in der langen Reihe von Märtyrern geworden
war, die gerade die Reformationszeit den altevangelischen Gemeinden abforderte.
Von dort gingen sie nach Westdeutschland, und wieder tat Gott hinzu zu der
Gemeinde täglich, die da selig wurden im Bade der Taufe. So wurde in
Kraft des Geistes Gottes wiederhergestellt, was durch die Macht des
altbösen Feindes unter dem von ihm gesäten Unkraut fast erstickt
worden wäre: die Gemeinde Christi. Denn zu ihr stießen freudig
die Wenigen, die noch übrig waren vom Volke Gottes aus den dunklen Zeiten
der Inquisition. Die Fackel erlosch nicht! Gott entzündete sie von neuem
und setzte sie auf einen Leuchter, zu leuchten all denen, die noch sitzen
in den Schatten des Todes.
Die Gemeinde der Heiligen ist Christi Werk. Er ist ihr Haupt, sie ist sein Leib. Sein Wort ist ihre Leuchte und ein Licht auf ihrem Wege. Sie ist keine Sekte. Sie ist erst recht keine amerikanische Sekte. Das dürfte der kurze Abriss ihrer Geschichte zur Genüge dargetan haben.
Wie lächerlich ist es überhaupt, eine religiöse Gemeinschaft nach ihrem Ursprungsland abstempeln zu wollen! Sollten nicht gerade die Anwürfe der so genannten Gottgläubigen des Dritten Reiches gegen das Christentum als einer "jüdischen Religion" uns hellhörig und immun gegen solche Argumente gemacht haben? Seltsam ist es nur, dass gerade diejenigen sich christlich nennenden Richtungen uns eine amerikanische Abstammung ankreiden, die es als höchst unfair ansehen, würde man sie selbst entsprechend kennzeichnen. Wir werden niemals die sich selbst römisch-katholische Kirche nennende Institution eine romanische Kirche oder die Baptisten, Darbysten und Methodisten englische Sekten nennen. Wir werden nicht den Herrnhutern einen tschechischen oder den reformierten Landeskirchen nebst den Freien Evangelischen Gemeinden einen welschen, einen französischen Ursprung vorhalten. Und wohin kämen wir, wollten wir in irgendeiner Polemik die von Augustin her bestimmte Glaubenswelt Luthers afrikanisch-berberisch oder die Wunderwelt der miteinander konkurrierenden Pfingstgemeinden afro-amerikanisch nennen!
Es wird aber doch gut sein, wenn wir zum Schluss nochmals in zwei Worten sagen, was die Gemeinde Christi nicht ist.
Die Gemeinde des Herrn ist nicht die in eine Heilsanstalt verwandelte Offenbarung Gottes, in welcher der göttliche Wille, des Heilands Wahrheit und Gnade, in Form einer bestimmten Summe von übernatürlichen Vollmachten, Erkenntnissen und Kräften in den Besitz oder doch in die Verfügung und Verwaltung des Menschen übergegangen wäre. Gerade in den Gemeinden Christi wird der Wille Gottes verstanden als der freie Wille des Herrn, der seine Ehre mit keinem Menschen teilt, sei es ein Paulus oder Petrus, ein Peter Valdes oder ein Jan Hjus, ein Martin Luther oder ein Johannes Calvin, ein Menno Simons oder ein Alexander Campbell. Gerade in der Gemeinde des Erstgeborenen weiß man, dass die Wahrheit Gottes kein Gegenstand ist - auch kein übernatürlicher Gegenstand -, sondern das ewige Wort, das sich nur in seinem Geheimnis, das sich nur dem Glauben bekannt macht. Und gerade in der Gemeinde des Auferstandenen wird die Gnade Gottes angebetet in der Person Jesu Christi, das heißt aber in jener Ursprünglichkeit, die jeden Gedanken an eine menschliche und überhaupt geschöpfliche Mitwirkung ausschließt, und die nur als souveräner Akt des Heiligen Geistes verstanden werden kann. Die Gemeinde Christi ist der Leib Christi; sie hat nur ein Haupt: ihren auferstandenen und erhöhten Herrn, dessen Namen sie trägt, der aber auch einzige und letzte Autorität für sie ist. Damit grenzt sie sich ab von den sektiererischen Lehren Roms und Konstantinopels.
Die Gemeinde Christi ist aber auch nicht ein freier Verein zur Pflege derjenigen Eindrücke, Erfahrungen und Anregungen, die Menschen aus dem Bibelstudium gewonnen haben. Nicht die gleiche Empfindung, Überzeugung und Willensbildung führt die Menschen zur Gemeinde und hält sie dort als Kirche Christi beieinander, sondern der gleiche Gott, der gleiche Christus, der gleiche Geist, die gleiche Tat des Glaubensgehorsams in der Taufe. Die Gemeinde Christi ist keine Konfession, keine Religion, keine ethische Gesellschaft. Sie sagt damit Nein zum Irrtum des modernen Protestantismus.
Denn eines allein macht die Gemeinde der Gläubigen zur Gemeinde Christi, dass nämlich dort der Mensch hört und gehorcht, weil Gott und was Gott zu ihm geredet hat. Und wo dies nicht geschieht, wo stattdessen nur ein heiliger Apparat funktioniert oder ein seelsorgerischer Verein sich betätigt, wo man so oder so dem Menschen zu viel und Gott zu wenig zutraut, da ist Christi Gemeinde nicht, und wenn sie die größten Massen oder die besten Persönlichkeiten in sich vereinigte, - wenn sie das reichste Leben entfaltete in Staat und Gesellschaft, - wenn sie noch so sehr respektiert wäre.
Wir befinden uns heute im Abendland in der Lage, dass Religion und Kirche wieder mehr Beachtung und Interesse finden als vor Jahrzehnten, dass nach ihrem Wesen und nach ihrer Botschaft von allerlei unerwarteten Seiten aufs Neue gefragt wird, und dass ein bisschen Glaube geradezu schon wieder zur Mode gehört. Wir können nur bang ahnen, wohin diese Entwicklung führen wird. Das aber müssen wir wissen, dass es gerade darum heute entscheidend darauf ankommt, dass fragenden und suchenden Menschen mit falschen Auskünften nicht der Weg zum Leben in und mit Christus verbaut wird. Wir haben dabei keinerlei Rücksicht zu nehmen auf Abneigung oder Gunst des Publikums, auf Wohlwollen oder Feindschaft der herrschenden Kreise. Der Weg der Gemeinden Christi war immer und wird immer sein ein schmaler Weg. Aber nur dieser schmale Weg führt aufwärts ins Vaterhaus.
Und doch ist dieser Gemeinde wesentlich, dass ihr nichts Menschliches fremd ist. Aber ihre Sympathie, ja Solidarität mit der Welt, die ja Gott so geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn für ihre Errettung opferte, besteht im Tiefsten gerade in dem, was sie scheinbar am deutlichsten von der Welt - z. B. von der Welt der Politik, der Wissenschaft, der Kunst - unterscheidet: In der Gemeinde Christi werden die Grenzen des Menschlichen gewahrt und bewacht, - in der Gemeinde des Herrn muss der Mensch sich selbst nüchtern sehen und verstehen - nicht im Rausch pfingstlerischer Ekstase, nicht im künstlichen Nebel magischer Zeremonien, nicht im Pharisäismus perfektionistischer Heiligkeit - nein: der Christ in der Gemeinde des eingeborenen Gottessohnes hat sich zu sehen in seiner Vergänglichkeit, in seiner Blöße, in seinen Schranken, in seinen Unzulänglichkeiten, in seiner tödlichen Einsamkeit. Niemals hat es die Welt den Gemeinden des Neuen Bundes verzeihen können, dass sie die Götter dieser Welt links liegen ließen. Es gab Zeiten - es gibt sie heute wieder -, wo man sie gerade aus diesem Grunde blutig verfolgte. Aber auch die Verfolgung gehört zum Wesen der kleinen Herde Christi.
Denn das Zeugnis der Propheten und Apostel, das Zeugnis des Christus und das Zeugnis von Christus steht immer als ein Werk des Heiligen Geistes über der Gemeinde und allem ihren Tun, - ihrem Gottesdienst und ihrer Verfassung, ihren Liebeswerken und ihren Gebeten. Die Heilige Schrift regiert die Gemeinde, nicht hat die Gemeinde die Schrift zu regieren, - jene Schrift, aus der uns Gottes Wille immer entgegentreten wird wie ein Blitz aus dunklen Wolkengebirgen, - jene Schrift, die Richtgerät der Gemeinde ist, an dem sie immer wieder gemessen wird.
Die Frage, ob und wie Christengemeinden als Kirche Christi existieren können, wird schlicht und konkret von der Frage abhängen, ob sie dem Neuen Testament immer wieder Vertrauen entgegenbringen können und ihm darum Gehorsam leisten müssen. In diesem gläubigen Vertrauen und in diesem gläubigen Gehorsam besteht das irdische Wesen des himmlischen Gottesreiches.
Nein, die Gemeinde Christi ist keine Sekte, - sie ist Christi Leib, wie es ihr der Epheserbrief bekundet in seiner Aussage, dass Gott alle Dinge unter Christi Fuße getan und ihn gesetzt hat zum Haupt der Gemeinde über alles, die da ist sein Leib. In ihr sind die bußfertigen und begnadigten Sünder gesammelt worden, die der Herr - und nicht Menschenwort und Menschenbekehrungseifer - hinzutat, auf dass sie selig würden durch die Wiedergeburt aus Wasser und Geist, - auf dass sie errettet würden von der Obrigkeit der Finsternis und versetzt würden in das Reich seines geliebten Sohnes, das nicht erst jenseits des Grabes, sondern hier und jetzt schon Gestalt gewonnen hat. Jeder, der mit Ernst und gutem Willen unvoreingenommen zu sehen trachtet, was man heutzutage so Christenheit nennt, oder wer die Zustände unseres so genannten christlichen Abendlandes mit den Augen eines schlichten Jüngers des Herrn sieht, muss doch ohne Zweifel sofort sehr nachdenklich werden, Was soll es denn heißen, dass sich alle die Millionen und aber Millionen als Säuglinge besprengter Menschen ohne weiteres Christen nennen? Diese vielen, vielen Menschen, deren weit überwiegende Mehrzahl nach allem, was man sehen kann, ihr Leben in ganz anderen Bereichen lebt als im Reiche Gottes! Menschen, die vielleicht niemals an einem Gottesdienst irgendwelcher Art teilnehmen, niemals die Bibel aufschlagen, niemals an Gott denken, niemals seinen Namen nennen, außer wenn sie fluchen! Menschen, denen es niemals klar wurde, dass ihr Leben eine Verpflichtung gegen Gott und ihre Mitmenschen haben sollte, Menschen, die entweder eine gewisse gut bürgerliche Unsträflichkeit für das Höchste halten oder auch diese schon nicht mehr nötig zu haben glauben! Doch alle diese Menschen, auch die unter ihnen, die bei Meinungsbefragungen ungescheut bekennen, sie glaubten an keinen persönlichen Gott, - sie alle sind laut ihrer Personalausweise Christen, nennen sich selbst vor Behörden Christen, werden vom Staat als Christen anerkannt, werden als Christen von ihren respektiven Kirchen begraben, werden als Christen in die Ewigkeit entlassen!
Mögen es die gutgläubig sich Christen nennenden Frommen aller Konfessionen und Sekten hören: Weil sie Gott und seine Frohe Botschaft durch Christus vergaßen, weil sie nicht glaubend gehorchten, darum sind sie der letzten, schwersten Gefahr verfallen, Tempel zu werden des als Engel des Lichts verkleideten Antichristen, dessen Maske so gut christlich ist, dass er selbst Gläubige zu verführen vermag. Hier hilft nur radikale Umkehr zu dem Quell aller Wahrheit: zu Gottes Wort, zu seiner Gemeinde!
Und dieses Eine begründet und erhält die Gemeinden Christi, darin sind sie wahrhaft groß und wahrhaft klein: dass ihre Glieder auf Gott allein zu hören sich bemühen! Wo auf Gott gehört wird, wo im Glauben an ihn die Taten wahrer Liebe geschehen, nicht um sich das Himmelreich zu verdienen, sondern weil man so selig darüber ist, es schon hier in diesem Leben zu haben, wo man Christi Gebote ganz ernst, ganz verpflichtend und bindend nimmt, da ist Gemeinde Christi, auch wenn sie nur aus zwei oder drei Menschen bestünde, auch wenn diese zwei oder drei gar nicht zur Elite und nicht einmal zum guten Durchschnitt, sondern vielleicht zum sozialen Bodensatz der Menschheit gehören würden. Auch dann, wenn diese zwei oder drei ganz ratlos und mutlos wären hinsichtlich der Frage, was sie nun eigentlich mit dem, was Gott ihnen sagte, anfangen sollten. Auch dann, wenn sie in der Umgebung, in der Gesellschaft in der sie leben, keinerlei Einfluss und Bedeutung haben sollten! Christi Gemeinden werden überall da sofort wahren Mut und wirkliche Bedeutung bekommen, wo sie auf den falschen Mut und die falsche Bedeutung der großen Zahl, der Wirkung und Geltung nach außen, resolut verzichten, um ganz auf das zu vertrauen, was sie begründete und was sie durch die blutigen und du